Aurich - wie schaurig? Nein: gut zufrieden!

Moin, heute sind wir in Aurich aufgewacht und haben dort auch ordentlich gefrühstückt, sozusagen im Ausland, denn Ostfriesland (Aurich ist eine kleine aber gar nicht verschlafene Beamtenstadt mittendrin) und das Emsland mit Papenburg als feste Größe im Norden (dann kommt sofort Ostfriesland) sind schon recht verschieden. Das muss man erlebt haben. Schaut man nur auf Wahlergebnisse und Kirchenglauben, dann sollte man an der nördlichen Grenze von Obenende nur die Eieruhr umdrehen, die Dinge vom Kopf auf die Füsse stellen, oder auch: CDU-wählen (im Emsland) ist wie SPD-wählen (in Ostfriesland), nur andersherum. Auch wurden wir in Aurich nicht um 6 Uhr von den Kirchenglocken geweckt, waren also um 9 Uhr beim Frühstück (war ja Sonntag) gut zufrieden. Und, Überraschung, diesen Begriff des "Gut-Zufrieden-Seins" hatte ich bislang allein den Emsländern als Ausdruck allerhöchsten Emphase zugeschrieben - er trägt in Ostfriesland allerdings dieselbe Bedeutung! Ganz großes Kino, wie wenn in der Veltins-Arena Schals hochhalten werden mit "echter Liebe" drauf - darf dort auch in blauweiss sein. Und im Signal-Iduna-Park werden zeitgleich Schlachtgesänge aus Herne 3 auf den BVB umgetextet.   

Heute, am Sonntag, gab es in Aurich keine Zeitung. In Papenburg hätten drei dicke, kostenfreie Werbezeitungen im Briefkasten gesteckt. So haben wir bei leckeren Brötchen den Abend zuvor noch einmal durchdiskutiert. Schnell war der Punkt erreicht, dass unser Freund fragend in den Raum blickte, ob es nicht etwas zuviele Fotos waren, die sie uns gestern von ihrer 2-wöchigen Südafrikareise gezeigt hätten. Die Frage war so gestellt, dass man mit einem "och neiiiin" hätte antworten können, aber auch andersherum. Ich hatte mich schnell für ein  "Ja" entschieden und gefragt, wieviele es denn gewesen seien, die auf dem 10,1"-Bildschirm an uns vorbeiliefen. 330 war die Antwort - und ich verstand:

Diese digitalen Fotos dokumentierten die fotografischen Eindrücke einer zweiwöchigen Reise ihres Auricher Chores - NEUE TÖNE -  durch Südafrika mit vielen geplanten Auftritten und Workshops, gemeinsamen Singens mit afrikanischen Chören und etlichen spontanen Auftritten. Das kann man nicht fotografieren, kaum erzählen - wie will man die tiefe herzliche Freude auf beiden Seiten berichten, wenn fremde Weiße gemeinsam mit einheimischen Schwarzen deren Lieder singen und tanzen?

 

Wie, die haben keine Shanties vorgetragen, kein ostfriesisches Volksgut, wie man es sich so vorstellt? Nein, haben sie nicht. Sind nach Südafrika auf eigene Kosten geflogen, haben auch kein Geld für ihre Auftritte bekommen, einfach so aus Lust am kleinen Abenteuer, wobei es für manche auch ein großes war. Mit bangem Herzen hatten sie ihren ersten Auftritt vor Afrikanern - was werden die sagen, wenn wir ihre Lieder singen? Aber es ging sehr schnell: Sie waren begeistert, sangen sofort mit, tanzten dazu und zeigten damit dem Chor aus Ostfriesland, wie der sich noch steigern könnte. Und der tat es!

 

Und während unsere Freunde dann über den Fotovortrag hinaus von den Auftritten schwämten, den geplanten und spontanen, der begeisterten Freude bei den Zuhörern und Videos zeigten, da begriff ich sehr schnell, dass diese Auftritte eine ungeheure Wertschätzung bedeuten für die südafrikanische Volkskultur. Ganz großes Kino!

 

Es ging auch anders, einem weißen Kapstädter jüdischen Glaubens haben sie Klezemerlieder aus ihrem jiddischen Programm gesungen, die dieser so lange nicht mehr gehört hatte. Er war mehr als "gut zufrieden"!  

 

Gemeinsam, so dachte ich, könnte es doch besser gehen, den anderen wertschätzen (lernen). Vielleicht lerne ich ja noch stricken, spinne ich weiter, und versuche mich an einem gelb-schwarz-blau-weißen Schal?  Man könnte ja zumindest zunächst versuchen, den einen mit dem anderen zu verknoten.

 

Muss das? Das muss! Und ich gieße mir die 6-te Tasse Frühstückstee auf den Kandies. Dann ein Löffelchen Sahne und Tschüß

Kommentar schreiben

Kommentare: 6
  • #1

    pizzasocken (Sonntag, 25 November 2012 16:55)

    Ein tolles Projekt!
    Und damit meine ich nicht den gelb-schwarz-blau-weißen Schal...:-)
    Ich habe schon öfter hier oben im Norden festgestellt, dass Menschen Träume verwirklichen. Vielleicht kommt das daher, dass man hier jahrhundertelang mehr oder minder auf sich selbst gestellt war? Oder ist es der "weite Geist unter weitem Himmel"??:-)
    Über deinen Blog freut sich
    Hedi

  • #2

    Beate (Sonntag, 25 November 2012 18:43)

    Hi,
    nachdem Du Dein Gästebuch erfolgreich versteckt hast (kann das?), an dieser Stelle mein Eindruck zum "Frühstück am Obenende": das hat Potenzial! Mach nur so weiter, dann schaue ich ständig hier rein, denn das hat was! ... Noch was? Ach ja; ich freu mich mit Hedi!
    Beate

  • #3

    zypresse (Freitag, 30 November 2012 12:50)

    330 Fotos aus Südafrika - nein das ist nicht zu viel... und schöne Videos mit unglaublich fröhlicher Musik und aufgeschlossenen Menschen hast du hier versteckt ... ähh verlinkt.
    Und ich hol mir jetzt rasch 'ne Tasse Rooibuschtee.

  • #4

    loire2012 (Freitag, 30 November 2012 12:56)

    Nein, jedes Foto hatte seine Berechtigung, wenn man erzählt. Das Problem war das "noch-folgen-können", insbesondere, wenn man spürte, welch großartigen Gefühle hinter allem stand! Dein Eindruck von fröhlicher Musik und aufgeschlossenen Menschen ist zu 100 % richtig!

  • #5

    Regine+Günther (Mittwoch, 26 Dezember 2012 13:12)

    Hallo EO, Du hast die Ereignisse und Begeisterung unserer Chor-Reise nach Südafrika sehr gut wiedergegeben.
    Leider hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen - wir haben keine deutschen Volkslieder gesungen sondern aus unserem jiddischen Programm Lieder für einen weißen Kapstädter jüdischen Glaubens vorgetragen.

  • #6

    loire2012 (Mittwoch, 26 Dezember 2012 15:33)

    Danke für die guten Worte! Habe meinen Fehler sofort korrigiert!
    Ich wünsche Euch noch ein paar schöne Tage hier und dann geht 2013 die Post ab !