Ein Name für Heimat

Moin, was Heimat ist, darüber haben sich schon viele den Kopf zerbrochen, vielleicht nicht so sehr viele in Obenende, da sich die Frage hier seltener stellt. Heimat ist. Wie man aber Heimat benennt, das scheint überall ein besonderes Problem zu sein. So berichtet heute meine Ems-Zeitung, dass aus der Mitte des Gemeinderates der Vorschlag gekommen sei, den Ortsnamen Kluse, der vor knapp 55 Jahren für die zur Samtgemeinde zusammengelegten Orte Ahlen und Steinbild gefunden wurde, wieder abzuschaffen. Stattdessen soll die Ortschaft in Ahlen-Steinbild umbenannt werden. Seit 40 Jahren (im Zuge der niedersächsischen Gebietsreform) ist die Samtgemeinde Kluse in der Samtgemeinde Dörpen aufgegangen. Dörpen, das sei am Rande erwähnt, bezeichnet gemeinsam mit Dortmund je nach Standort den Anfang oder das Ende des Dortmund-Ems-Kanals. Aktuell sei es, so berichtet die Ems-Zeitung, zu "Verwirrungen" gekommen, weil die Zeitung gestern einen Bericht mit der Überschrift "Freie Fahrt zwischen Steinbild und Kluse" gebracht habe, richtig hätte es heißen müssen ". . . Steinbild und Ahlen". Im Rahmen der Wappendiskussion im Rat der Samtgemeinde Dörpen - das heutige Kluse besitzt als einziger Ort dieser Samtgemeinde kein Wappen - sei es dann zu dem Vorstoß einer Umbenennung gekommen. Derzeit werden die Vereine und Verbände befragt, gibt es ein positives Votum, dann anschließend die Gewerbetreibenden und abschließend wird ein Votum der Bevölkerung eingeholt. Es ist ja alles sehr übersichtlich. Ja, und dann will die Gemeinde einen Antrag stellen.

 

Ich habe mich immer gefragt, wo Kluse eigentlich wirklich liegt. Unsere Freunde dort finde ich auch so: Vor dem großen Gewerbegebiet mit den Schwerlastkränen (Gelb ist die eindeutig vorherrschende Farbe!) rechts ab von der B 70, dann fünfte Straße links und fünftes Haus rechts. Das findet sogar mein Navi. Ich denke, die glauben wirklich ihr Haus in Kluse gebaut zu haben, nicht in Ahlen-Steinbild.

 

Beim Frühstück in Obenende haben wir oft über die schwierige Namensbildung bei der Zusammenlegung von Orten gesprochen, zwischen zwei Tassen Kaffee, das kann. Es gibt da in Ostfriesland packende Beispiele wie die seit 1973 bestehende und an Obenende angrenzende Gemeinde Westoverledingen, die meist als WOL abgetan wird. Dort gibt es u. a. den Ortsteil Völlen mit dem räumlich strikt und eindeutig abgegrenzten Unterortsteil Völlenerkönigsfehn. Völlenerfehn gibt es auch noch. Zum Glück trägt alles die Postleitzahl von WOL, denn das muss.

 

Man kann das für Ostfriesland fortsetzen, aber Obenende grenzt zwar an WOL, gehört jedoch dem Nordkreis vom Emsland an. Ja, so sagt man hier "Nordkreis". Denn früher, also erst kürzlich und konkret bis vor 40 Jahren gab es ja noch den Landkreis Aschendorf-Hümeling (ASD), wer sprach da von Papenburg, oder auch Obenende? Die Werft war zwar schon, aber noch nicht mit so großen Schiffen im Fernsehen. Und dann wachte man eines Tages mit den zwitschernden Vögeln in Aschendorf auf und war ein Ortsteil von Papenburg. Alles verloren und die Kreisverwaltung in Meppen. Im Bewußtsein blieb der historische Nordkreis bestehen, als Kaminfeuer an kalten Winterabenden. Dazu eine Tote Tante aus Nordfriesland. Das darf.   

 

Man könnte ja mal zunächst versuchen das alte Nummernschild wieder einzuführen (ASD), um dann, weitere 40 Jahre später, wieder als Aschendorf aufzutauchen, was sind denn dann schon hundert Jahre? Natürlich muss alles gerecht zugehen und wir in Obenende hatten zwar noch nie ein eigenes Nummernschild, aber das kann ja werden. POE für Obenende und PUE für Untenende wären noch frei. Und ab in die jeweilige Unabhängigkeit. Oder würde man nach einem Austritt von Aschendorf noch von Papenburg sprechen wollen? Oder etwa Briefe nur mit "26871 Obenende-Untenende" adressieren? Muss das? Weiss nich.

 

Da erinnere ich mich an Wattenscheid, das mit seinen mehr als 80.000 Einwohnern vor 40 Jahren (nordrheinwestfälische Gebietsreform 1975) auch partout nicht nach Bochum wollte - heute da aber immer noch ist. Oder aber auch den seinerzeitigen Versuch, die heute noch existierenden Städte Gladbeck, Bottrop und Kirchhellen zusammenzulegen. Als dann irgendwann im Prozess der Namensfindung das Schild "Glabotki" hochgehalten wurde, war dies auch das Ende der Rednerliste. Das musste.

 

Und dann in Dortmund, am anderen Ende des Dortmund-Ems-Kanals gelegen, mit Blick vom Frühstück aus. Da versuchte man noch kürzlich von den Rändern des Rates aus, aber mit denkbaren Mehrheiten ausgestattet, an der Bevölkerung vorbei Stadtbezirke zusammenzulegen, die seit 40 Jahren langsam begannen im Bewußtsein der dort lebenden Menschen Identität zu stiften. Das misslang, nicht sosehr, weil die Menschen, soweit befragt, sich dagegen ausgesprochen hatten, sondern weil es den treibenden Kräften letztlich egal war, warum das geschehen sollte. Es war ein nicht mehr zu stoppender Selbstläufer geworden, der ohne Gesichtsverlust nicht mehr von den Gleisen geholt werden konnte. Man konnte aber auch das letzte (und eigentlich oberste) Ziel nicht erreichen, es "den Roten mal zu zeigen, wer in Dortmund die Mehrheit hat". Es fehlte schlicht die Mehrheit im Rat, einen Satzungsbeschluss herbeizuführen, mit einfacher Mehrheit war zuvor ein Grundsatzbeschluss gegen die Voten der Bezirksvertretungen gefasst worden. Es gibt sie also noch: Huckarde und Eving, wenngleich die Leute dort auch in Lindenhorst, Brechten, Deusen und Kirchlinde wohnen. 

 

In Obenende und umzu ist das genauso, aber andersherum. Und wenn man hier jemandem etwas Schlimmes an den Hals wünscht, dann herrscht man ihn an mit den Worten: "Geh' doch wo du wohnst, du Sch . . . "

 

Muss das? Das is! Und ich denke noch darüber nach, ob ich mir eine zweite Tasse Kaffee einschenken soll. Denken tut ja meist nicht weh. Tschüss 

 

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