Eimermenschen

Moin, eigentlich wollte ich über Mindestlohn und -wohnfläche schreiben, weil das Thema meiner Ems-Zeitung auf Seite 1 ist. Dass da schon Bezug auf Sögel genommen wird, war verständlich, denn dort brodelt es schon länger am Schlachthof wegen der Arbeits- und Wohnverhältnisse. Na, und als ich dann auf Seite 5 (Nordwest) über Sögel weitergelesen habe, vergaß ich, dass heute der 1. Dezember ist und das erste Adventswochenende begonnen hat.

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Eimermenschen
Von Dirk Fisser, Da ist alles mutig dokumentiert
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Ja, man weiß in Sögel, wo die Eimermenschen wohnen, nämlich im alten Hotel Lucull. Und da stehen Autos vor der Tür mit Kennzeichen aus H, PL, RU und BG. Eimermenschen werden sie von den Sögelern genannt, gehen morgens mit ihren Eimern zum Groß-Schlachthof Weidemark und kommen abends wieder zurück. In den Eimern finden sich ihr Schlachtermesser und die Arbeitskleidung. Sie haben den Tag lang Schweine getötet und zerlegt, verdienen hier mehr als in ihrer Heimat, sind aber nicht beim Schlachthof angestellt. Ihren Arbeitsvertrag haben sie mit einem Subunternehmer geschlossen.

 

Sögel mit seinem Schloss Clemenswerth ist ein schmuckes Dorf, wohlhabend durch den Schlachthof geworden, geprägt durch diesen, die ankommenden Viehtransporter, die alle den Ort wieder leer verlassen und die Eimermenschen. 800 sollen es am Ort und in der Umgebung sein, 54 von Ihnen, so die offizielle Auskunft, leben im alten Hotel Lucull. Nein, so der Bürgermeister, von einer Massenunterkunft wisse er nichts. Und später spricht er von einer gelungenen Integration, weil Deutschkurse, vermietete Reihenhäuser usw... Das Hotel ist eine Baustelle, der Subunternehmer aus Hannover spricht von einem Umbau, Der Landkreis nach einer Brandschau zwar von Mängeln, die aber eine Unbewohnbarkeit nicht ableiten lassen. Eindruck meiner Ems-Zeitung beim Betreten des Gebäudes: Die Tür steht offen. 54 Namen sind an den Briefkasten geklebt. Wer die Räume betritt, muss aufpassen, wo er langgeht: Bauschutt, Kabel, die von der Decke hängen. Die Tapeten in den Fluren sind abgerissen, der Teppichboden verdreckt. Es ist eine Baustelle, aber dem ersten Eindruck nach kein Zuhause für 54 Menschen.

 

Eimermenschen, ich habe den Begriff heute dazugelernt. Vielleicht wären die Bulgaren vom Dortmunder Arbeitsstrich auch gerne Eimermenschen, würden das als eine Besserstellung begreifen, würden ihre Behausungen in der Nordstadt gerne gegen das Hotel Lucull in Sögel tauschen. Aber es ist ja nicht Arbeit für alle da.

 

Arbeit - Überleben wollen - Lebensperspektiven - Wohnen - Familie - Freude haben. Das sind doch die Dinge, die zusammengehören! Das muss.

 

Ich wollte bis Weihnachten einmal die neue Gedenkstätte des KZ Esterwegen besuchen, um mir ein Bild davon zu machen, wo Obenende vor einem Menschenleben lag. Wir kennen ja heute noch das Lied von den Moorsoldaten, die mit dem Spaten in das Moor ziehen. Das ist hier entstanden. Ich werde auch Sögel anschauen und dort nicht nur den Weihnachtsmarkt im Schloss aufsuchen.

 

Nein, meinem Horoskop in der Ems-Zeitung werde ich heute bestimmt nicht folgen: "Mit dem Advent ist die Zeit da, sich mit Plätzchenbacken in weihnachtliche Stimmung zu bringen." Das kann nun mal gar nicht!

 

Habe den Kaffee mal wieder auf. Darf das? Das darf. Tschüss.   

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Beate (Samstag, 01 Dezember 2012 15:24)

    Peng! Getroffen. Betroffen. Was ist schlimmer, was unwürdiger: das Vegetieren in diesem alten Hotel Lucull (was für ein passender Name!) oder den ganzen Tag lang Schweine töten und zerlegen müssen und zum Eimermenschen gemacht zu werden ...?
    Und das alles, damit wir möglichst billige Tierleichen in den Topf und auf den Tisch bekommen! Na dann: Mahlzeit!

  • #2

    Hedi (Samstag, 01 Dezember 2012 16:15)

    "Eimermenschen". Ich bin zutiefst geschockt, nicht nur wegen der unwürdigen Lebens- und wahrscheinlich auch Arbeitsbedingungen.
    Dieser Begriff entpersonalisiert und schiebt Menschen in eine begriffliche und gedankliche Ecke, die wir im dritten Reich auch schon mal hatten. Eimermenschen. Keine "richtigen" Menschen. Da braucht man sich dann auch keine Gedanken über deren Lebensumstände zu machen. Ich bin zutiefst entsetzt.