Die Sprache und ihr Ziehguck

Moin, gestern Abend hatte sich der Router abgemeldet, mitten in einem Telefongespräch. Aber am Obenende gibt es ja auch in einigen Netzen einen guten Handyempfang, konnte also alles bis zu Ende beredet werden. Kein Telefon, kein Internet, abgeschnitten von der Welt, in einer ab 23:30 h verdunkelten Nachbarschaft, weil dann auch die Straßenlaternen ausgeschaltet werden. Das mach wohl – was so viel bedeutet, kann schon sein oder wird dann wohl auch so sein. Da ist der Emsländer richtig mitfühlend und rundet seine Zustimmung mit einem „wohl“ ab. Das tut dann auch richtig gut, denn es verrät nicht nur Zeit, sondern auch das Bestreben, Sprache schön klingen zu lassen, mit so einem kleinen Schnörkel dran, oder, wie Hedi es von ihrer Oma kennt, dem richtigen Ziehguck.

 

Viele andere Sprachen kennen diese Möglichkeit, etwas schöner klingen zu lassen, auch wenn die Grammatik dem Grunde nach etwas anderes bestimmt. Auch als ich jetzt im Ostfriesischen Schulmuseum in dem alten Klassenzimmer in einer Schulbank eingeklemmt saß, erklärte uns das der Lehrer (er spielte mit uns Einschulung) anhand der früheren Schriften. Einmal musste man lernen, diese schön zu schreiben, dann aber auch, dass man bspw. das „S“ vor einem „t“ anders schreiben müsse, nur wegen der Schönheit der Schrift. Die deutsche Hochsprache kennt solche romantischen Ansätze nicht – als wenn sie die Computerwelt schon vorausgesehen hätte.

 

Ein Ziehguck ist im Übrigen das Teilchen an einem Teil, das dieses Teil zu einem Superteil macht – so habe ich es neulich mal jemanden erklärt – und die hat sofort verstanden. So einfach kann Sprache sein. Sie braucht eben mehr Empathie, woll! Doch da ist mir jetzt etwas dazwischen gerutscht, das westfälische „woll“ nämlich, was nichts mit dem „wohl“ vom Obenende zu tun hat. Das „woll“ (es wird etwas kehlig ausgesprochen, d. h. die Zunge schlägt bei den „ll“ etwas an den Gaumen, bestimmt nämlich, was richtig ist und wo jede weitere Nachfrage auf Unverständnis stößt, also eigentlich falsch ist, nicht wahr?

 

Das Westfälische kennt noch mehr Sprachfeinheiten, wie etwa die „zue Kiste“ oder den „abben Arm“. Auch so Ziehgucks in der Sprachenlandschaft. Da stünden wir hier am Obenende aber ratlos da, solche Kurzformen stoßen auf Unverständnis und würden dazu führen, dass alle sofort in ihr Platt fallen und zu machen. Ich hätte dann ein Problem.

 

Aus Dortmund kommt „der Klöng ist kaputt“so ein Verwaltungsziehguck, also etwas ganz anderes als Sprache. Oder hat das auch etwas mit Sprache zu tun? Mach wohl.

 

Ja, und heute Morgen war das Internet immer noch kaputt, das Telefon auch, und ich dachte sofort an Bauern-DSL, was dann jetzt hier auch wohl angekommen sei. „Bauern-DSL“? Was das ist? Das ist der Ziehguck von der Telekom. DSL ist ganz fixes digitales Internet. Da muss der Datenstrom aber regelmäßig verstärkt werden, das wissen die Techniker. Dafür werden Verstärker eingebaut, die natürlich Geld kosten. Und wenn dann ein Bauernhof auch mal richtig fix Internet machen will, da meldet er so ein DSL an und bezahlt auch dafür. Aber die Betriebswirte bei der Telekom wissen auch, dass sich das mit einem Verstärker wirtschaftlich nicht lohnt und geben dafür kein Geld aus, für diesen einen Hof. Das ist Bauern-DSL.

 

Also ich habe mich hier am Obenende heute zunächst in den Maschinenraum begeben, unter dem Schreibtisch den Sitz aller Kabel kontrolliert, dann die am Router und diesen, weil alles ok war und doch nichts funktionierte, einmal aus- und nach 10 sec wieder angestellt. Nun, dann ging das wieder mit dem Telefon und dem Internet. Nur dieser Blog kommt heute später. Aber ich sitze wieder auf meinem Sonnendeck. Das mach wohl.

 

Und der Kaffee ist auch schon kalt. Tschüß             

 

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