Kippis itsenäisyyspäivän

Moin, das Frühstück liegt schon lange zurück, der Schnee dieser Nacht ist schon wieder fast geschmolzen und die Sonne wird auch am Obenende bald den Horizont erreicht haben. Dort, wo man die Worte aus der Überschrift flüssig aussprechen kann und dann noch lieber danach handelt, ist die Sonne heute noch gar nicht rausgekommen. Und in den tief verschneiten Wäldern dort fragt man sich, ob man es den Bären gleichtun sollte oder aber den Rentieren und Elchen, wenigstens etwas für die Nahrungsaufnahme zu tun, viel ist ja nicht möglich, im Winter, in Finnland. Vielleicht noch Eisangeln.

 

Was Obenende mit Finnland zu tun hat? Oh, finnisches Territorium liegt fast vor der Haustür! Es hat einen eigenen Hafen und benötigt täglich etwa 2 – 3 Schiffsladungen Rohstoff, um am globalen Handel mit Papier teilnehmen zu können. Fragt mal Euer Druckerpapier oder das aus dem Kopierer! Sehr gut möglich, dass der Geburtsort in Dörpen liegt und der Kreisssaal zum Imperium der UPM Nordland gehört. Weltweit sind da 23.000 Menschen beschäftigt, 7,5  % davon am Standort Dörpen, vom Obenende in 15 Minuten mit dem Auto zu erreichen, wenn es nicht gerade geschneit hat und die Bahn nicht gerade in dieser Woche den einen (von zwei) Bahnübergängen wegen Renovierungsarbeiten geschlossen hätte. So war ich – ausgestattet mit 20 Minuten zusätzlicher Sicherheit – Punkt 10 h beim Besucherservice. Eingeladen hatte meine Ems-Zeitung interessierte Leser – und ich durfte mit dabei sein.

 

Meine extra geputzte Fotoausrüstung – der Akku war noch randvoll aufgeladen worden – blieb allerdings im Vortragsraum zurück: ein striktes Fotoverbot hatte die Geschäftsleitung generell für Besuchergruppen verhängt. Dumm gelaufen. Soll damit zusammenhängen, dass hin und wieder auch streng geheime Dinge an den Maschinen und Abläufen sichtbar werden können. 1971 hatte mich der Werkschutz in Marl einmal kurzfristig einkassiert, weil ich gegen den Nachmittagshimmel die aufsteigenden Rauch- und Giftfahnen fotografiert hatte. Durfte aber wegen Harmlosigkeit schnell wieder gehen. Na dann eben ohne Kamera. Muss das? Das muss! Nur der Begleiter der Ems-Zeitung durfte knipsen – fragte extra irritiert nach. Aber das war ja auch kein Werkspion.

 

Den Produktionsablauf habe ich in groben Zügen verstanden: Rohmaterial (Zellstoff und diverse Zusätze) wird angeliefert und in eine sehr lange Maschine mit vielen Rollen gefüllt, es gibt davon insgesamt vier. Jeweils 4 Leute bedienen eine solche, wo das spätere Papier auf einer 1,3 km langen Strecke zunächst zusammengemanscht, geplättet, gedrückt und dann auf 4 % Feuchtigkeit runtergetrocknet wird. Dauert von Anfang bis Ende je nach Dicke um 30 Sekunden. 2 weitere Leute sorgen für den Abtransport der über 50 t. schweren Rollen und dass diese auf schmalere Rollen „runtergeschnitten“ werden – natürlich mit geeigneten Kränen und Maschinen. Ähnlich mager ist die Personalbesetzung, wenn das Papier gestrichen, also veredelt wird. Aber effizient und problemlos möglich, so auch der Personalrat, wenn alles läuft und nicht gerade eine Papierbahn reißt. Das mit dem Problemlosen konnten wir gut beobachten. Na, und am meisten Menschen sah man dann in der Abteilung „Ausrüstung“, anderswo würde man von „Konfektionierung“ sprechen wollen. Da wurde geschnitten, verpackt, zusammengestellt und gestapelt. Da sah man dann auch mal ein paar mehr Menschen – aber nie standen die beieinander, jeder wusste was er zu tun hatte. 465 Leute erledigen pro Tag etwa 500 Kundenaufträge – meist ist es wohl Druckerpapier. Insgesamt werden 1,4 Mio t. Papier von hier aus in die Welt verschickt – zunehmend mehr wieder mit dem Schiff.

 

Ja, so hinter dem Kiefernwald versteckt , kaum von der nahen B 70 und der IC-Bahnlinie aus hinter den Baumwipfeln zu erkennen, liegt diese unabhängige finnische Betriebszone. Nein, gehört zur EU, man spricht deutsch und deutsches Recht gilt hier natürlich auch. Und vielleicht erhalte ich ja doch eines Tages ein Visum, um die wahnsinnigen Motive an den 50 m Einfüllbereich der PM 4  (oder PM 1) realisieren zu können: filigrane Maschinenstruktur, eingezuckert mit dem weißen Staub der Zellulose und dann die unterschiedlich eingefärbten Walzen bzw. das pastellfarbene Licht der Strahler: geil! Hoffentlich habe ich jetzt kein Betriebsgeheimnis ausgeplaudert – am Unabhängigkeitstag!

 

In Dortmund und anderswo in der Region war das einfacher, entweder waren alle Geheimnisse schon ausgebaut worden und es war nur noch der schöne Schrott zu sehen, oder man hat die gesamte Groß-Kokerei nach 10 Jahren Betriebszeit nach China verkauft, samt aller Geheimnisse. Aber hier, da wird noch drin gearbeitet – und das zählt doppelt. Ich bleibe dran. Das muss.

 

Jetzt bloß keinen Kaffee mehr, sondern Vorfreude auf eine tote Tante entwickeln (ein Teil Rum, acht Teile Kakao und ein Schlag Sahne) und schon mal den Kamin von gestern frei machen. Das muss, keine Frage! Und macht wieder gut zufrieden. Und dann immer "Kippis itsenäisyyspäivän" (Prost Unabhängigkeit). Tschüß.                               

 

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