Anderer Leute Familien- und Denkverhältnisse

Moin, da schlägt man ausgeschlafen die Ems-Zeitung auf, rechts freut sich Peer Steinbrück über ein gutes Ergebnis auf seiner Krönungsmesse - großes Bild, rot hinterlegt über 5 Spalten in der Rubrik "Einblicke". Wohinein haben wir da geblickt???

 

Links dann aber auch gleich in der Rubrik "Politik" ein kleineres Bild, aber insgesamt über 6 Spalten: Kritik des Kardinals Meisner an Gaucks Familienverhältnissen: "Dabei ist er doch als Präsident dem Grundgesetz verpflichtet, Ehe und Familie zu fördern." Empörung auf Seiten des gutkatholischen Kardinals. Politik??? Wohl doch eher "Einblick" und die Ems-Zeitung hat die Rubriken vertauscht: Der Eine will Bundeskanzler werden, der Andere erlaubt einen Einlick in seine Seele, Politik geht nämlich anders: Erst kürzlich war der Bundespräsident in Rom beim Papst, ist dort sehr freundlich empfangen und auch wieder verabschiedet worden, konnte man lesen  und hören. Der Papst, das ist der über dem Kardinal stehende Chef in einer hierarchischen kirchlichen Ordnung.

 

Was uns das am Obenende tangiert? Lassen wir Peer Steinbrück jetzt einmal außen vor, dann bleibt das Wort des Kardinals zurück, dass der Fortbestand unserer Gesellschaft von der Förderung der Ehe und Familie abhängen würde. Damit meint er offensichtlich, daß in diesen Institutionen unser aller Kinder geboren und großgezogen werden. Hedi und ich am Obenende schauen uns betroffen an, nicken und können das für uns bestätigen: Zusammen haben wir 5 Töchter, aber nicht gemeinsam. Auch wenn wir jetzt noch eine Ehe eingehen würden - an der Zukunft der Gesellschaft würde sich nichts mehr ändern. Bei Gauck's, so denken wir, wohl auch nicht. Was soll das also? 

 

Wenn wir in Heede, einem Nachbarort unweit vom Obenende, grad über den Kanal weg und dann rechts ab, die dortige Gebetsstätte besuchen, dann stehen wir auf einem riesigen Gelände, dessen optischer Höhepunkt eine überlebensgroße Statue von Papst Johannes Paul II. ist, auf die in Bronze dargestellten Lebensstationen Jesu hinabschauend, an denen die Pilger vorbeiziehen. Wir waren dort die einzigen, können uns die Pilger also auch nur anhand der vielen Busparkplätze vorstellen und haben Heede auch nicht zu unserem Ort gemacht. Es ist aber Teil des Emslandes und verdient unseren Respekt. Und, so denken wir weiter, wenn ein gutkatholischer Emsländer einmal nach Dortmund kommt, wird er den dortigen Strukturen auch mit Respekt begegnen. Das macht unsere Gesellschaft aus: Leben und leben lassen - in Freiheit, demokratisch organisiert und ohne Gängelung, Angst und Unterdrückung! Respekt ist nicht Beliebigkeit, aber die positive Akzeptanz des Andersdenkenden. Kann das? Das muss gekonnt werden!

 

Nur so kann unsere Gesellschaft sich weiterentwickeln. "Vom Wochenbett in die Kinderkrippe"  stilisiert der Kardinal den DDR-Gegenentwurf zum Betreuungsgeld als politisches Machwerk hoch, dem allein Herr Seehofer und die CSU Einhalt bieten konnten. Ja, man muss auch polarisieren können. Und, wo ist da der Respekt? Herr Kardinal: Ihre Empörung hätte ich hier in gleicher Weise auch gerne über jeden Priester gelesen, der sich an Kindern vergeht, an den Strukturen, die dieses nicht nur jahrhundertelang zulassen, sondern wegschauend fördern und damit stillschweigend tolerieren. Wo steht die katholische Kirche, wenn es um den Art. 6 GG geht und die heutige Zeit? Mittendrin, oder etwa nur konservierend mit der Knute am Rande? Dann wird die Karawane an ihr vorbeiziehen.

 

Oh, ich bin wütend ob soviel Unverstand aus hohem Hause und dabei würde doch ein Blick in das kirchliche Grundgesetz, das neue Testament, reichen: Ähnlich wie Meisner, der seine Statements damit einleitet, dass er gefragt worden sei und nun eine Antwort gäbe, hat auch Jesus seine Gleichnisse begonnen. Nur waren die Antworten offener und damit klüger gewählt, haben nachdenklich werden lassen und vor allem die Position der Schwächeren gestützt, gegen die Pharisäer.

 

Welch einen Einblick in die Denkverhältnisse des Kardinals liefert heute morgen - mitten im Advent - die Ems-Zeitung, der Kölner "Sonntags-Express" und überhaupt die Katholische Nachrichtenagentur (KNA).  

 

Muss das? Das muss nicht, denn meinen Kaffee will ich im vorweihnachtlichen Stimmungshoch genießen, alle Menschen gern habend, egal, ob die mich mal gerne haben können. Tschüss. 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Hedi (Montag, 10 Dezember 2012 11:14)

    Lieber EO,
    Applaus, Applaus, bravo!
    Natürlich lese ich alle deine frühstückskaffeegetränkten Betrachtungen,und ich m a g sie, aber diese spricht mir aus dem vollsten Herzen.
    Wie kann man eine andere Lebensweise als die jahrtausendlange tradierte ( wobei sich häufig die Kirchen- und andere Fürsten moralische Auszeiten genommen haben )unterschwellig als dem Christentum feindliche, zumindest schadende, darstellen?
    Natürlich verstehe ich, dass sich eine Religion nicht beliebig irgendwelchen Zeitströmungen anpassen will. Aber die Zeiten haben sich inzwischen grundlegend geändert, die Macht, bzw.der Einfluss der Kirche schwindet, da hilft auch verbales Umsichschlagen nichts.
    Die Lebensumstände unseres Bundespräsidenten repräsentieren viel eher die gesellschaftliche Wirklichkeit, die Kardinal Meisner so gerne ganz anders sehen möchte.
    Die Tatsache, dass Herr Gauck ein protestantischer Pastor ist, mag zum Unwillen des Kardinals mit beigetragen haben. Das mag wohl.
    Bis zum nächsten Frühstück!
    LG Hedi

  • #2

    loire2012 (Mittwoch, 12 Dezember 2012 16:42)

    Liebe Hedi, meinst du wirklich, das es dem Kardinal schon nicht gefallen hat, dass der Bundespräsident Protestant und sogar Pastor ist? Das hieße ja, dass die katholische Kirche doch Sonderrechte für sich in unserer Verfassung in Anspruch nehmen würde - streitet Meisner aber ab. Und, muss ein Bundespräsident (BP) mit seinen Lebensumständen Vorbild sein? Wir sind doch eine demokratische Republik. Da wird der gewählt - wenn schon die Lebensumstände eine entscheidende Rolle spielen - der mit diesen am besten in den Zeitgeist passt und mehrheitsfähig ist. Wulf oder Gauck - das war die Frage . . .