Was immer es war - es war doch lecker!

Fahrten durch Frankreich waren immer ein Abenteuer, zumindest früher, als wir die wenigen Autobahnen wegen der Maut mieden und an den Nationalstraßen auch eher guten Möglichkeiten fanden, zu Tisch zu sitzen, die auch heute noch rot/blau gekennzeichneten Fernfahrerlokale relais de routier. Gelegentlich landeten wir auch in normalen Lokalen - dann steckte das Menue voller Überraschungen, denn man konnte dort auswählen. 



Irgendwann in den späten 70ern, etwa vor 35 Jahren, fuhr ich durch Frankreich, zusammen mit Peter und Tom, sowie ihren Freundinnen, deren Namen ich jetzt nicht mehr weiß. Ich war der Kundige, konnte ein wenig die Sprache verstehen, Speisenkarten lesen, etwas Einfaches erfragen oder Bestellungen aufgeben. Ich kannte das Land, die Leute, soweit man sie verstehen konnte, kurzum, war hier fast zuhause. So erschien es zumindest meinen Freunden aus der Emscherzone. Durch sie hatte ich das Ruhrgebiet erst wirklich kennen und lieben gelernt, auch wenn ich erst sehr viel später zu einem Ruhrie werden sollte - der das aber heute auch nicht mehr als Auszeichnung vor sich herträgt. Das Leben verändert einen - gutes Essen auch.

 

Woher wir damals kamen, was wir dort gemacht hatten, wohin wir jetzt gerade wollten, ich kann es heute nicht mehr sagen. Ich weiß nur noch, dass es um die Mittagszeit war - in Frankreich immer zwischen 12:00 Uhr und 12:10 Uhr. Wir verspürten Hunger und spähten nach einem vernünftigen Speiselokal aus. Damals wie heute noch waren diese an einem runden, blau-roten Emblem zu erkennen, nannten sich routiers und waren oft an Parkplätzen zu erkennen, die mit riesigen LKW's zugestellt waren. Manches Mal waren es auch nur die Autos von den Handelsreisenden, gelegentlich machten die Arbeiter nahegelegener Fabriken hier ihre ausgiebige  Mittagspause. Dann gab es extra Serviettenfächer, wo jeder von ihnen seine eigene herausnehmen konnte.

 

Die Auswahl war immer gering, manches Mal allerdings hatte man sogar zwei Vorspeisen zur Wahl, ein Hauptgericht, welches täglich wechselte und, wie zuhause auch, keine Auswahl zuließ, Salat, Käse von einer Platte und/oder Nachtisch. Apéritif und espresso extra, Leitungswasser (une carafe d'eau) und der Wein (vin d'table mit 10,5 °) inklusive. Hier kochte Mutter höchstpersönlich, mochte man glauben, und das verhieß gute Hausmannskost, im Vergleich zur deutschen Küche allerdings annähernd Grande Cuisine. Es duldete allerdings auch keine Widerrede, nur wenig Änderungsmöglichkeiten und eine exakte Zeitplanung - was dem Franzosen angeblich nicht immer so eigen sein soll, hier ging es aber um das Essen. Denn, das lässt sich leicht vorstellen, hatten alle die Vorspeise weggeputzt, war das Hauptgericht dran, da passte kein Nachzügler mit dem salade varies mehr dazwischen und ein Omelett schon gar nicht.

 

Pünktlich betraten wir das Lokal. Tom hatte mir schon vorher zu verstehen gegeben, dass er zwar alles esse, aber nichts was irgendwie dem Euter oder Magen einer Kuh entnommen worden sei. Nun, es gab als Vorspeise einen Salat aus verschiedenen Gemüsen (salade varies) oder tripous. Selbst Google kennt dafür heute keine Übersetzung ins Deutsche. Tripe könnte man dagegen als Kutteln oder Pansen bezeichnen, Kaldaunen versteht niemand. Aber tripous d' Auvergne hatte ich bereits einmal ebenda gegessen und sie schmeckten vorzüglich! Sollte ich Tom zu der vegetarischen Vorspeise raten, dem jungen Mann aus der Emscherzone? Der würde daran doch auch keinen Spaß haben! Also empfahl ich ihm Tripous, jene kleinen Rouladen, deren äußere Haut aus einem Kuhmagen stammt, innen findet man neben Gehacktem andere Magenstücke und ich würde mich nicht wundern, wenn auch Stücke vom Euter mit dabei sind.

 

Man muss die tripous möglichst heiß essen. Andernfalls wirken sie etwas klebrig. Aber richtig gewürzt, mit viel Pfeffer, würzigen Kräutern und der richtigen Menge Knoblauch, dazu frisches Brot für die Sauce . . . aber schön heiß. Es schmeckte einfach toll: Tom, mir und allen anderen, denn die hatten sich angeschlossen. Ich denke Peter war der einzig Wissende. Es war der Beginn einer wundervollen Mahlzeit für kleines Geld. Wir hatten damals ja nichts. Und es war sicherlich auch eine ganz wichtige Erfahrung. Denn im Hinausgehen fragte Tom, was das denn da am Anfang gewesen sei. "Was immer es war, es war lecker!" Ich habe es ihm genau erklärt: Kleine Roulade aus Kuhmägen, das mit dem möglichen Euter habe ich weggelassen. "Boah," meinte er anerkennend mit den Kopf nickend, "das hat aber toll geschmeckt!" War nochmal gutgegangen. Warum auch nicht?   

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