Die ferne Welt vom Obenende aus erleben

Hoffnungsträger: direkt für DIE LINKE in den  LANDTAG?
Hoffnungsträger: direkt für DIE LINKE in den LANDTAG?

Moin, für gestern, den Neujahrstag, hatten wir uns etwas Besonderes vorgenommen. Wir haben hier in der Nähe, am Untenende nämlich, das modernste Multiplex-Kino Norddeutschlands, man mag es nicht glauben, aber es ist so. 6 Kinosäle laden zum Besuch ein, die Kasse ist mit zwei Leuten besetzt, die Kinogastronomie auf dem allerneusten Stand: Eimerweise kann Popcorn geordert werden, aus riesigen Pappbechern ragen zwei Saughalme heraus, Nachos kann man ordern und diese dann am Platz durch die Sauce ziehen. Jeder Sitzplatz hat viel mehr Beinfreiheit, als selbst ich benötige – und natürlich eine großzügige Abstellfläche für die Bestellungen. Eines Tages würde ich mal versuchen, alle 20 Minuten eine Niedersachsenflasche (1/3-Liter) Pils gebracht zu bekommen, es wird sicherlich möglich sein.

 

Noch aber gehen wir da nur regelmäßig zum Filmegucken hin, suchen uns keines der acht verschiedenen „Menus“ aus und arbeiten uns nicht durch die Getränkekarte, auch nicht am Neujahrstag. Da war für uns um 16:30 h die Premiere eines 3D-Filmes. Kann das? Das kann. Und zwar mit einer superleichten Kunststoffbrille, die angenehm auf der Nase saß, sogar über die eigene Brille gepasst hätte und immer wieder verwendet werden kann. Kostete nur einen Euro, erinnerte an eine Sonnenbrille, aber in nichts an jene alten Pappdinger mit linkem Auge rot und rechtem Auge grün – oder umgekehrt. Sie bietet nur keinen Sonnenschutz, nur das ist ja im Kino nicht so wichtig – meint man.

 

Was man nämlich erlebt, ist die wahre Realität, alles scheint zunächst im Raum zu schweben, exotische Insekten, Heerscharen von Flamingos, irgendwann im Laufe des Films erheben sich wie auf Kommando zigtausende von Erdmännchen - wie ein Mann - und man steht mitten drin. Welch eine tolle Dressurleistung, denkt man, denn inzwischen schweben die Schauspieler nicht mehr mitten im Kinosaal, sondern man hat das Obenende verlassen und sich in diese fremde Welt begeben, kritiklos, direkt und alles für sieben Euro. Und die Sonne brüllt. Man schlüpft in die fernen Zeiten, wenn die Quallen das Meer erleuchten. Das kann.

 

Im Film geht es um den Zugang zu Gott, aber das scheint nebensächlich zu sein, am Oben- und Untenende ohnehin seit längerem final ausdiskutiert und wirkt in der Nachbetrachtung eher als roter Faden der beiden Handlungsebenen. Ein junger Autor auf der Suche nach Schreibstoff befragt einen erfolgreichen Inder, der als Professor in Kanada lebt, nach seiner Einstellung zu Gott, nach seinem Weg zu ihm. Der versichert die Existenz, sieht aber keine besonderen Unterschiede, Christen- oder Judentum, Buddismus oder Hinduismus, logischerweise auch der Islam – jeder Weg führt zum Ziel. Vielleicht, so denke ich im Nachhinein, hat er sich nur nicht die Frage nach der Bedeutung von Gott gestellt – aber auch dann hätte das Ergebnis sicherlich darin gelegen, dass jeder in ihm seine Existenz sicher aufgehoben fühlt. Ist das nun beliebig? Das kann.

 

Auf der zweiten Handlungsebene geht es nun darum, dass der junge Inder mit seiner Familie Indien verlassen muss, mit allen ihnen gehörenden Zootieren nach Kanada auswandert, das Schiff bei Manila in einem Sturm untergeht, er jedoch als einziger diesen Untergang in einem Rettungsboot überlebt, gemeinsam mit einer Hyäne, seiner geliebten Orang-Utan-Mama, einem Zebra mit gebrochenem Lauf und einem Tiger. Nach einigen Tagen reduziert sich der Kampf um das Überleben im Rettungsboot auf einen Kampf nur noch zwischen Mensch und Raubkatze, die beide diesen rd. 230 Tage durchstehen, etwas abgemagert natürlich. Während der Tiger nach Erreichen Mexikos ohne weiteren Gruß im Urwald untertaucht, sind dem Jungen viele Einsichten zur Existenz Gottes gekommen, der ihm letztlich immer wieder Zeichen von sich gegeben hat. Er, der alles verloren hat und doch für ein neues Leben gerettet wurde, begreift die Welt als einen einzigen Prozess des sich Lösens. Und als er von Experten befragt wird, warum das Schiff untergegangen sei, kann er darauf nur mit seiner Odyssee über den Pazifik antworten, von sich und den Tieren berichten. Die Geschichte hatten wir mittendrin erlebt.  Er wirkt unglaubwürdig und ändert seinen Bericht: Als einziger von vier Menschen habe er überlebt, ändert die Tiere in Menschen  ab. Es bleiben Zweifel daran bestehen, ist aber glaubwürdiger. Zu dem, was ihm wichtig war, seine Rettung und das Leben danach, wollte niemand wirklich was wissen, es interessierte nur der Weg dorthin, egal welcher es war, nur Glaubwürdigkeit war wichtig.

 

3D und wir mittendrin. Unglaubliche Kampfszenen zwischen Mensch und Tiger und das Tier nur gefaked, alles virtuell simuliert: die fliegende Fische, welche zuhauf im Boot landeten, die Fische im Meer, usw. Schiffuntergänge – nun, letzteres hat es schon häufiger in Filmen gegeben. Aber alles in  3D und nur sehr wenig war real, war schon komisch. Wahrscheinlich war der fiese Schiffskoch in einer kurzen, heftigen Szene auch nur virtuell, er glich sehr einem nachweihnachtlichen Gerard Depardieu, allein schon wegen der Nase.

 

Unsere Realität alles nur ein Fake, weil wir nicht mehr rauskommen, sie zu hinterfragen? Kann das? Das kann. Heute wird in meiner Ems-Zeitung von dem Kandidaten der Linken berichtet, der hier am Obenende für den Landtag kandidiert. Wenn er das Direktmandat gewinnt, dann würde er ins Emsland ziehen und seine Freundin aus Bayern auch, schreibt die Zeitung und er hat es dann wohl auch so gesagt. Ein humorvoller Mensch und wir denken, dass es ein 3D-Fake sein wird, wenn nach dem 20. Januar vor demselben Haus zwischen Papenburg und Lathen zwei Möbelwagen stehen, einer aus Hannover, der andere aus Bayern kommend.

 

„Muss das?“ frage ich, und erhalte als Antwort „das muss.“ Dann greife ich zu meiner neuen Designer-Tasse, heute Nacht in unserem 3-D-Drucker erstellt, online nach Entwürfen der familiären Designerin, und genieße den  frisch aufgebrühten Kaffee – hm, auch kein Fake, denn den haben wir von der anderen Tochter zu Weihnachten bekommen. Tschüss. 

 

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Lächelnd tritt er gegen die CDU an
Ems-Zeitung 2. 1. 2013.pdf
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