Vom Zauber der Großen Zahl

Das alte Rathaus in Dortmund im Spiegel der Bersworthalle
Das alte Rathaus in Dortmund im Spiegel der Bersworthalle

Moin, heute war unser aller Umgang mit Der Großen Zahl Thema beim Frühstück. Nicht der größten, das wäre so abgeschmackt, wie die ewige Erwähnung des nicht eingetretenen Weltuntergangs, weil man den sowieso nicht erwartet hatte, gar keine Vorstellung davon hat, was "Welt" eigentlich ist und deshalb nur einen Aufhänger gesucht und meint gefunden zu haben. Hier am Obenende zieht das aber nicht, denn wir hinterfragen alles.

 

Die Ems-Zeitung berichtet, dass die Deutsche Bahn im Land (und meint natürlich Niedersachsen) auf dem Abstellgleis angekommen ist, weil nur noch jede dritte Strecke von ihr bedient wird. Später heißt es im Artikel "30 % aller Strecken", das kann ja dann noch stimmen, aber zum Schluss wird präzisiert: "30 % der Eisenbahnkilometer". Jetzt könnte es stimmen - wenn es von Interesse für den Nutzer wäre, aber der erfährt nur noch darüber hinaus, dass die Deutsche Bahn ihre Qualität verbessert - über die Versorgung der Fläche mit dem Nahverkehr und ob diese sich jetzt durch die Übernahme der Strecken durch andere Betriebe verändert, keine Info. Aber: nur noch den 3. Platz für die althergebrachte Bahn und 450 gefährdete Jobs. Für die dort Beschäftigten eine große Zahl, wenn sie für das Jahreseinkommen nun eine andere Arbeit machen müssen, wenn sie es überhaupt können. Also aufpassen, es stehen die Probleme der Bahn auf der Titelseite - nicht die Lösungen für uns. Verbrämt hinter einer eher nicht verständlichen Zahl. 

 

Und glauben wir wirklich, dass andere den Nahverkehr kostengünstiger organisieren können ohne Qualitätseinbußen - für wen auch immer, uns oder die Beschäftigten? Es geht um (mehr) Wirtschaftlichkeit, was immer das ist. Darum geht es auch unseren 5 Landtagskandidaten aus dem hiesigen Wahlkreis. 59 Mrd. Euro beträgt die Schuldenlast des Landes Niedersachsen. Darunter kann man sich nichts anderes vorstellen, als "ganz viel". Dem stehen ja aber auch Vermögenswerte gegenüber, das erleben wir täglich, denn was gehört nicht dem Land? Aber diese Schulden müssen finanziert werden, das erfordert neben dem Zins auch eine Tilgung. Bei derzeit niedrigem Zinsniveau, das weiss jeder Hausbesitzer, ein recht geringes Problem, wenn das Haus an sich angemessen, d. h. den eigenen Lebensumständen angepasst - ist. Wenn aber der Anzug oder das Abendkleid zu groß (geworden) sind, dann ist auch das ein Problem.

 

Wir haben uns in der Vergangenheit soviel auf Pump genehmigt, dass die Finanzierung dessen den enger werdenden Haushalt soweit auffrißt, dass Neues kaum noch angegangen werden kann und Altes abgebaut werden muss. Deshalb Schluss mit den Schulden - sie werden nicht abgebaut, sondern es sollen keine neuen mehr aufgenommen werden. Die öffentlichen Haushalte müssen umgeschichtet werden, neue Ziele sind zu entwickeln, Schwerpunkte zu setzen, Gewohntes wird abgebaut werden. Steuerentlastung (?) wird zu mehr privaten Ausgaben führen können, bzw. weniger sozialer Sicherheit. Darüber, über die Schwerpunkte in Niedersachsen, entscheiden im Grundsatz die WählerInnen jetzt am 20. Januar. Das steht hinter der Zahl 59 Mrd. Brechen wir das auf ein Häuschen am Obenende herunter: die Erneuerung der Fenster oder die Neuanlage des Vorgartens. Die Heizung muss eh noch halten, die Terasse kann warten und den Tropfen aus der Regenrinne können wir ausweichen. Muss das, das muss!  

 

Eine andere Große Zahl fand ich gestern in den gut formulierten Neujahrswünschen meines Dortmunder Oberbürgermeisters. 12.000 Unternehmen und Betriebe dort werden von Menschen mit Migrationshintergrund geführt, 20 % aller Dortmunder Betriebe. Ganz gut, mag man anerkennend denken, sehr erfolgreich in Sachen Integration und Organisation des Miteinanders. Dann werde ich nachdenklich, rechne 60.000 Betriebe insgesamt aus. Moment, Dortmund hat insgesamt etwa 300 Tsd. Erwerbstätige, macht im Schnitt 5 pro Betrieb. Etwas mehr als 12.200 Betriebe beschäftigen sozialversicherungspflichtige MitarbeiterInnen, im Schnitt 16,4. Sieht man jetzt einmal von der großen Zahl der Beamten, die sich auf sehr wenige Betriebe konzentrieren und vielleicht 40.000 ausmachen ab, bleiben immer noch mindestens 45 Tsd. Betriebe übrig, in denen 60.000 Menschen ohne der Sozialversicherungspflicht zu unterliegen arbeiten, auch nicht Beamte, Zeitsoldaten oder Richter sind, eher 400€-Jobber und mithelfende Familienangehörige, 1,3 Bechäftigte bei 45 Tsd. Betrieben im Schnitt. Kann das? Das kann nicht! Und die Beteiligten wissen das sogar! Allerdings haben sie die Zahl dennoch dem Oberbürgermeister gegeben. Muss der alles wissen? Soll das? Das soll wohl, aber . . . 

 

Und ich weiss ja auch, wo gespart wurde, bei der Wahrheit nämlich: Richtige Statistik ist zu teuer - vielleicht gibt es auch deshalb noch keinen aktuellen Wirtschaftsbericht, den aktuellsten hatte ich noch selber verantwortet - deshalb schnell der Griff in das Register der Gewerbean- und abmeldungen und eine Große Zahl präsentiert, die wirkt nach außen, auch wenn alle Fachleute es besser wissen, sie schweigen, denn es gibt Wichtigeres. Nur, wir verdummen zunehmend, wenn wir immer häufiger den Großen Zahlen unkritisch Glauben schenken (müssen).  

 

Also wir am Obenende passen schon auf, haben heute gegurgelt und erfahren, dass Thüringen lt. Zensus 2011 wohl 30.000 Einwohner weniger haben wird als angenommen. Na, denke ich, dann werden es woanders aber größere Verluste sein, denn die geschätzten 2 Mio weniger müssen sich ja irgendwo "wiederfinden" lassen. Und für Thüringen hätte man (als Durchschnitt geschätzt) über 50.000 erwarten können . . . Kann das noch? Das kann wohl.

 

Ach, die Welt der Großen Zahlen ist so abenteuerlich und voller Fußangeln. Noch ein Kaffee und dann Tschüss.         

 

 

 

 

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