Prost: Auf der Suche nach dem verlorenen Gesicht

Moin, natürlich wissen wir am Obenende sehr wohl, dass Marcel Proust das vielbändige Epos von der Suche nach der verlorenen Zeit geschrieben hat, ein französischer Klassiker, der sich (nicht nur) mit erlebter Kindheit auseinandergesetzt, den lebenslangen Folgen, wenn es darum ging, zur nachmittäglichen Kaffeezeit kleine Küchlein in Pfefferminztee zu tunken, Kinder verzeihen vielleicht, vergessen können sie nie.

 

Ich habe in meiner Jugend ein Gesicht gefunden und es anschließend wieder verloren, das von Rozalia Luksenburg, wir kennen sie als Rosa Luxemburg. Sie trat mit der Überzeugung an, dass die Welt sich verändern müsse, so das ZDF in einer Dokumentation. Sie wurde 1919 ermordet und in den Landwehrkanal geworfen. Ihre Mörder meinten, damit der sozialistischen Bewegung das Gesicht zu nehmen.

 

1998 begegnete ich Sarah Wagenknecht - unter diesem Namen war sie ins Melderegister eingetragen, so hatte sie auf den Wahllisten zu erscheinen, denn sie kandidierte in einem Dortmunder Wahlkreis direkt für den Bundestag. Ihr Gesicht sprach von einer Inkarnation der Rosa aus Jugendtagen, hübsch und kampfesmutig, energisch. Sie focht leidenschaftlich mit uns über die Stellung des "h" in ihrem Vornamen, darunter sei sie bekannt, erinnere ich mich. Meine Kollgen blieben korrekt. Muss das? Das muss.

 

Jetzt habe ich es wieder gesehen, das lächelnde Gesicht meiner Jugendtage, auf einem Wahlplakat. Sahra steht darüber als Marke mit dem "h" in der Mitte. Nein, Rosa Luxemburg hat damit endgültig ihr Gesicht verloren, denn es wird als Maske benutzt - kein persönliches Engagement, nicht der Einsatz des Lebens für die Idee, nicht einmal ein Listenplatz bei der jetzigen Wahl, nur den latent formulierten Anspruch auf einen Ministerposten - so meine Ems-Zeitung vom heutigen Tage. Arme Rosa. Und Oskar - dessen Gesicht ist für mich seit langem verschwunden, und ich denke, er sucht es auch nicht mehr. Sorry, Oskar, der Link war falsch gesetzt.

 

Andere verlorene Gesichter fallen uns ein. Die Gesichter von Ministranten und anderen Jugendlichen, die ihr Gesicht in der katholischen Kirche verloren haben, beim Priester auf dem Sofa, dem Bett oder wo auch immer, die das bis heute als Erwachsene, wo sie anfangen können darüber zu reden, um ihr Gesicht wieder zu finden, nicht vergessen können. Wer tief im Glauben steht, kann doch das verübte Unrecht eines Priesters an einem selber kaum verstehen. Muss das? Das muss.

 

Die Kirche versprach erschüttert Aufklärung, wohl das eigene Gesicht wiederzufinden. Wollte sich lossprechen von den Sündern in den eigenen Reihen, und macht sich jetzt Sorgen um deren Gesicht, will sie in keiner Weise für ihre Taten uneingeschränkt dem Staatsanwalt überlassen, nein  der eigenen Gerechtigkeit unterstellen. Damit erhebt sie sich zu einer undemokratischen Institution auf der Ebene eines Staates, denn allein der besitzt das Machtmonopol. Die Kirche fällt zurück ins Mittelalter, verliert nicht nur ihr Gesicht, sondern blickt uns hinter der heruntergelassen Maske höhnisch an: Wir sind die Moral! Darf das? Das darf nicht.      

 

Dann liest man, dass die bayrischen Kardinäle und Bischöfe sich gegen eine weitgehende Aufklärung des Unrechtes gewehrt hätten. Das beauftragte kriminologische Instut war gerade dabei, die Akten aus der Zeit des Bischofs Ratzinger zu sichten. Das Institut wird sein Gesicht bewahren - aber sorgt man sich vielleicht um das Gesicht des heutigen Papstes, der stand in jüngeren Jahren doch auch einmal in der Verantwortung? Kann das, Das kann wohl.

 

Der Tag ist weiter grau, es soll kälter werden. Und wenn wir gestern etwas über die Berichterstattung unserer Ems-Zeitung gelästert haben, so bedaure ich das, um mein Gesicht nicht zu verlieren. Gestern sind an derselben Stelle, zur gleichen Zeit und bei denselben Wetterverhältnissen zwei LKW zusammengekracht: 2 mal Totalschaden, 100 l Diesel auf der Straße, aber keine Verletzten. Es wird ein turbulentes Jahr, geht es so weiter. Kaffee aus und Tschüss.           

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Hedi (Donnerstag, 10 Januar 2013 11:16)

    Lieber eo,
    du weißt, dass mir im Prinzip alle deine Blog-Artikel gefallen. Dieser hier findet meinen uneingeschränkten Beifall.
    Die selbsternannte Wiedergängerin von Rosa Luxemburg - sogar die Haartracht ist die der Kaiserzeit - ist für mich nur ein Gesicht, hinter dem nichts steckt außer persönlicher Eitelkeit und der Wille zur Macht.Eine Verhöhnung all dessen, was Rosa Luxemburg so wichtig war, dass sie dafür sogar ihr Leben ließ.

    Über das Gesicht, das der katholischen Kirche endgültig abhanden kommen könnte, will ich mich gar nicht auslassen, zu groß ist der Zorn.

    Da folge ich lieber dem Link zu Oskar, und zwar zu dem Oskar, der nie auf die Idee kommen würde, sich eine Maske zuzulegen.

    Gut gebellt, eo!

  • #2

    zypresse (Samstag, 12 Januar 2013 15:38)

    ... und wo dat Sarah, Sahra oder Sara sich jetzt um die Schreibweise ihres Namens streitet weißt Du sicher, oder? (Ich hatte sie auf meinem Wahlzettel stehen, habe aber mein Kreuz geheim, gleich und frei woanders gesetzt... ) ;-)

  • #3

    loire2012 (Samstag, 12 Januar 2013 16:18)

    Ich weiss nicht, wo sie sicher mal wieder um den richtigen Namen streitet, aber ich fahre häufig an so einem riesigen roten Plakat mit ihr drauf vorbei - im Hintergrund sind Umrisse zu zu sehen, die an den Kreml, zumindest Doktor Schiwago erinnern . . . Nein, sie tut mir nicht leid!

  • #4

    zypresse (Samstag, 12 Januar 2013 17:19)

    http://www.bundestag.de/bundestag/wahlen/wahlkreise09/index.html?wknr=108