Skandal: Warum heute kein Frühstücksei!?

Moin, unser Frühstück am Obenende unterwirft sich vielen Ritualen. Es muss vollständig sein, sonst ist der Tag gelaufen. Dazu gehört das Frühstücksei, 6 Minuten und - je nach Jahreszeit und Kälte wo es herkommt - noch bis zu 15 Sekunden dazu. So und nicht anders möchte ich es auch in zwanzig Jahren noch haben. Muss das? Das muss.

 

Und tauschen wir jetzt einmal das Frühstücksei gegen den allmorgendlichen Genuss meiner Ems-Zeitung, insbesondere des Lokalteils, so brauche ich deren Nachrichtenmix wie andere womöglich den Fleischsalat, schmeckt nicht immer, gehört aber dazu. Am anderen Ende des Kanals, weit weg vom Obenende, wird es jetzt für zigtausende von Aufstehern anders werden. Drei Morgenzeitungen gibt es dort noch, zwei von Ihnen decken über 90 % der Nachfrage ab, die blaue RN und die rote WR. Das hat sogar mal mit den Farben gepasst, aber die Zeit ging über die WR hinweg . . . Kann das? Das kann.

 

Und nun wird die Lokalredaktion der WR ersatzlos geschlossen, die Lokal-Nachrichten der RN werden lediglich noch übernommen. Warum, so frage ich mich, hat man regelmäßig eine Tageszeitung? Doch wegen der lokalen Informationen. Fast alles andere kann man sich doch anderswo zusammensuchen, im Internet z. B. Gemach, das wird zukünftig auch Geld kosten, aber dann kann man mit der Zeitung eben keinen Fisch mehr einpacken und schont die Wälder. Nur, gut recherchiert muss es schon sein, keine Nachrichtenware vom Agentur-Discounter, sondern Feinkost, direkt vom Erzeuger, das fordert der lokale Markt. Und wenn es keine Mitbewerber mehr gibt, dann nennt man das Monopol, Meinungsmonopol für Menschen die es gewohnt sind, sich ihre Ansichten zunächst beim Frühstücksei bestätigen zu lassen.  

 

Der Redakteur wird die lokalen Nachrichten sichten, seine Meinung hinzusetzen, seine Kontakte zu den vielen Vereinen halten, von dort angesprochen werden, kannst du mal . . . Gerne kann er, denn Fotos und Berichte von Nachbarschaftsfesten, Vereinsversammlungen, Fußballturnieren der ganz Kleinen aus der E-Jugend, Pfadfindertreffen im Vorort, Austauscherlebnissen der Oberstufenschüler in fernen Ländern, dem Rockkonzert in der kirchlichen Freizeitstätte an der Stadtgrenze usw. schaffen Identitäten. Sie erfordern aber auch Menschen, die das machen, die das sogar besser machen wollen, weil der Mitbewerber es ja auch gut machen kann oder wird. Das alles wird verloren gehen, weil es keiner mehr bezahlen kann oder will. Denn jetzt wird es deutlich enger. Es setzt sich der Kampf um die Abonennten fort - nicht über die Qualität, die mag ich noch lange unterstellen, sondern die Kosten. Am Obenende zahlt man etwa 1/3 mehr für ein Abo (knapp 30 €) als am anderen Ende des Kanals, wo die Dörfer und Menschen allerdings ähnlich ticken - von Großstadt oft keine Spur. Warum? Dieser Frage ist einmal nachzugehen, wenn  man den Niedergang der Lokalredaktion betrauert. Muss das? Das muss!    

 

Ich habe noch im Ohr, aber bei Youtube nicht gefunden, wie Jürgen v. Manger über die Schließung seines Pütts im Ruhrgebiet berichtet. Da war ihm recht feierlich zumute, als die letzte Lore mit Kohle zu den Klängen der Bergmannskapelle hochgeholt wird, es fließen Tränen hinter seinem Ruhrgebietscharme, wofür er sich ungelenk rechtfertigt. Tränen, liebe Freunde von der WR/WAZ-Lokalredaktion in Dortmund, dürft ihr vergießen. Das Leben wird Euch aber weiterführen, woanders hin. Das ist dann wohl auch der Strukturwandel, von dem ihr immer so viel und engagiert berichtet habt. Er holt uns alle ein, Veränderungen muss man leben, auf keinen Fall mutlos, sondern noch engagierter. Ihr seid Dortmunder.

 

Ich werde die WR-Lokalredaktion nie vergessen, nie die Fragen nach der Einwohnerzahl, das Sausen eines Schwertes über meinem Kopf, das Chaos in der Berichterstattung über einen Wahlfehler, die vielen vertraulichen Gespräche, wenn mal die Themen ausgegangen waren, auch nicht die liebevolle Abschiedsgeschichte über mich, oder dass mir noch zu guter Letzt Widerworte gegen meinen OB in den Mund gelegt wurden. Das alles gehörte dazu, denn Ihr seid eigentlich immer fair mit mir umgegangen. Danke. Muss das? Das muss. Und mit der Kabarettistin Lore Lorentz zwinkere ich Euch zu: Waren wir nicht immer eine verschworene Gemeinschaft, auch wenn wir uns gegenüberstanden? Das wird es zunehmend weniger geben, denn es erfordert Vertrautheit.

 

Ich spare mir gute Ratschläge für ein andermal auf. Muss das? Kann wohl. 

So, das Frühstück ist ohne Ei zum Ende gekommen, ein Kaffee noch und Tschüss.

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