Die Wichtigkeit von Statistik und ihre Neutralität

Chefstatistiker droht Anklage

Athen - Der Chef der griechischen Statistikbehörde muss offenbar mit einer Anklage im Zusammenhang mit dem Haushaltsdefizit rechnen. Andreas Georgiou und zwei weiteren Elstat-Mitarbeitern werde vorgeworfen, das Defizit 2009 größer dargestellt zu haben als es eigentlich gewesen sei, erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters aus Gerichtskreisen. Hintergrund sei der Vorwurf eines entlassenen Elstat-Mitarbeiters, dass Georgiou als Teil einer von Deutschland angeführten Verschwörung gehandelt habe, um strenge Sparmaßnahmen durchzusetzen. Georgiou hat die Anschuldigung zurückgewiesen. Auch das Eurostat-Büro der EU hat sich vor ihn gestellt.
 
Süddeutsche.de (SZ vom 23.01.2013) unter Berufung auf  REUTERS

 



Soweit die Nachricht. Andere Zeitungen (Focus, Spiegel) berichteten online ähnlich, in der Tageszeitung fand sich nichts Vergleichbares. Was mag passiert sein, dass der Leiter der griechischen Statistikbehörde mit einer Anklage zu rechnen hat, weiler das Defizit 2009 größer dargestellt hat, als es eigentlich gewesen ist.

 

Weiterführende Informationen liegen mir nicht vor, weshalb ich eine Betrachtung auf Annahmen gestützt versuche. Fahrlässigkeit oder Fehler aufgrund persönlichen Fehlverhaltens schließe ich einmal vorab aus, das scheint wenig plausibel zu sein. Interessant scheint mit der nachfolgende HInweis aus focus-online vom 24. 1. 2013 zu sein:

... hatte immer wieder erklärt, dass die Statistikbehörde unabhängig sei. Sie bekomme keine Regierungsbefehle und führe auch keine aus. Er habe lediglich die Regeln der europäischen Statistikbehörde Eurostat angewandt.


Die griechische Statistikbehörde wähnt sich unabhängig, wird aber sicherlich griechischem Recht unterstehen. Was bedeutet das, wenn sie zugleich die Regeln der europäischen Statistikbehörde EUROSTAT anwendet? Es wird Unterschiede geben, wie bspw. in die Berechnung hineingehen muss - und da wird es, so steht zu vermuten, in Griechenland Bereiche geben, die nicht zu berücksichtigen sind, Kommunen möglicherweise oder halb-staatliche Unternehmen, die Liste der Annahmen ließe verlängern, aber von hier aus nicht verifizieren. Deutlich wird jedoch daran, dass es unterschiedliche Vorgaben gibt, anhand derer ein Staatsdefizit auszurechnen ist, wodurch es am Ende auch unterschiedlich hohe Zahlen geben wird.

 

Die Erarbeitung von statistischen Zahlen, also Tabellen mit einem sehr hohen Abstraktionsgrad und tiefer sachlicher Gliederung geschieht in Arbeitsprozessen, die eine Datenlieferung der zu erfassenden Stellen in aller Regel auf Basis von Gesetzen verbindlich vorschreiben. Ob das in Griechenland immer so gewesen ist, mag dahingestellt sein. Es gab mit Sicherheit vereinbarte Regeln, was wer zu liefern hatte und wie die Daten zusammenzufassen waren. Den Statistiken konnte jedoch nicht länger Glauben geschenkt werden, denn nachweislich ist Griechenland aufgrund falscher Daten Mitglied der EURO-Gruppe geworden. Es mussten nunmehr bei der "Rettungsaktion" feste Regeln angewendet werden, die den europäischen Finanziers der "Rettungsaktionen" vertraut waren, Regeln also von EUROSTAT. Erst durch ein belastbares statistisches Nachweissystem können Erfolge belegt werden, was bei dem finanziellen Volumen natürlich gefordert war.

 

Aufgrund eigener Erfahrung auf allerding ganz anderen Ebenen der Statistik, kann man vermuten, dass eine funktionierende Statistik auf beiden Seiten implizit unterstellt wird. Zugleich wird auch ihrer Verbesserungswürdigkeit wechselseitig zugestimmt und eine geeignete Fachkraft zur Leitung von EUROSTAT bereitgestellt. Die Unabhängigkeit dieser (erneuerten/neuen) griechischen Statistikbehörde war wohl immer Gegenstand aller Absichten und Vereinbarungen - aber ihre tatsächliche rechtliche Verfasstheit als weniger wichtig angesehen. So meine Vermutung mangels weiterer Informationen.

 

Dass es da zu (weiterreichenden) Konflikten kommen muss, liegt auf der Hand. Und weil man diese nicht an der Sache festmachen kann, sucht man sich eine Person, die man anklagen kann, Gesetze zum Nachteil Griechenlands gebrochen zu haben. Und es kann durchaus so sein, dass der Leiter sich schuldig gemacht hat. Er hat sich nach den für ihn geltenden Gesetzen zu richten, nicht den bei EUROSTAT erarbeiteten Grundsätzen. Nirgends steht geschrieben, wie es tatsächlich ist, so oder anders.

 

Lächerlich ist es, einen deutschen Komplott hinter den zu hohen Defizit-Werten zu vermuten, was sollte das ergeben? Dubios erscheint es auch zu sein, dass er von entlassenen Mitarbeitern angezeigt wurde. Aber es wäre auch verständlich, denn wer versteht schon die oft schwierige rechtliche Situation von Statistikern? Dem Grunde nach nur Insider, denn die Übrigen interessieren sich nicht dafür.

 

Sie erwarten lediglich Daten, die beweiskräftig und tragfähig sind, unabhängig und neutral ermittelt wurden, aber bitteschön in das eigene Bild von Gesellschaft passen. Deshalb und aus Gründen des Schutzes individueller Daten ist eine rechtliche Absicherung die wesentliche Grundvoraussetzung dafür, überhaupt Statistik zu betreiben.

 

Das gilt für Griechenland und Europa in gleicher Weise, wie für die Bundesländer und alle Städte, Kreise und Kommunen - gleich welche rechtlichen Voraussetzungen dort vorliegen. Eine unabhängige, neutrale Statistik ist ein Wert an sich, weil sie Entwicklungen über alle gesellschaftlichen Brüche hinweg aufzeigen kann. Da darf die Leitung allerdings nicht angreifbar sein. Sie garantiert die Ergebnisse zur Person.

 

 

 

 

 

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