Die erste und die letzte Fahrt

Moin, es ist Sonntag und Zeit für ein angemessenes Frühstück. Gestern haben wir uns die AIDAstella angesehen, frisch am Freitag aus dem Ei geschlüpft. Man muss sich das wie eine Geburt vorstellen. Zunächst wächst das Schiff im geschlossenen Dock über ein dreiviertel Jahr zu seiner Größe und hat dann fast alles, was ein Schiff so braucht. Das riesige Tor wird hochgezogen und alle freuen sich, wenn der herrliche (Schiffs-)Körper langsam in das Hafenbecken gleitet. Dann liegt das Schiff noch knapp zwei Wochen am Ausrüstungskai und verlässt anschließend über die Ems die Stätte seiner Geburt. Die Taufe ist dann irgendwann woanders. Nie wieder wird dieses Schiff zurückkehren. Muss das? Das muss.

 

Es wird seinen Dienst tun und irgendwann aus dem Verkehr gezogen, denn sonst könnte die Meyerwerft ja nicht laufend neue Schiffe bauen. Muss das? Das muss. 

Auf meinem Schreibtisch steht das Model eines alten Segelschiffs, das der "Seuten Deern". Wer möchte mit dem Schiff heute noch eine Kreuzfahrt machen? Aber klar doch, eine ganze Menge Leute sicherlich, aber tausende passen da nicht drauf, also bräuchte es schon so viele "Seute Derns", dass die gar kein freies Wasser mehr finden würden. Nee, ist schon gut so, ein neues Schiff zu bauen, nicht zuviel Nostalgie!

 

Und wenn man nicht mehr zurückkann, dann muss man irgendwohin, wenn man nicht mehr gebraucht wird oder schlicht zu alt geworden ist. Das ist dann beim Schiff der Zeitpunkt des Abwrackens. Nun kann man da auch noch Parallelen zum richtigen Leben finden - aber die Begrifflichkeiten sind doch etwas anders und ein wenig mehr Würde ist durchaus angebracht. Man möchte dann ja auch nach seiner letzten Fahrt seinen Lieben eine Erinnerung sein, wenngleich es für einen selber sicherlich bedeutungslos geworden ist. Um dieses Thema herum hat sich seit Menschengedenken ein tief im jeweiligen Volkstum verwurzelter Kult entwickelt, er dient den Überlebenden. Und wenn dann keine mehr am Ort sind? Wer stellt die Blümchen auf die Grabstelle? Wir haben hier schon einmal über die Familiennetze gesprochen, und sehen in einem Friedwald, nahe einem schönen, selber ausgesuchten Baum, durchaus einen selbstbestimmten Weg. Die Beerdigungskultur ist im Umbruch, berichtet heute der EL-Kurier aus der letzten Bauausschusssitzung. Da wurde die Vorlage der Verwaltung zur Einrichtung eines Friedhofswaldes auf die Sitzung im März geschoben, es besteht noch Beratungsbedarf, weil die Vorlage zu spät kam. Kann das? Das kann.  

 

Wir wollen mal hoffen, dass das nicht nur ein Friedhof mit vielen Bäumen wird, als Ergänzung bzw. Erweiterung des bestehenden in Aschendorf, sondern ein Wald für mindestens 100 Jahre vor Eingriffen geschützt wird, weil in seinem Boden die Asche vieler Verstorbener ruht. Muss das? Das muss.

 

Der Kaffee mag etwas zu schwarz erscheinen, aber das muss, wenn man sich in dieser Frage gegen die kaufmännischen Interessen jener durchsetzen will, die Gräber vermieten wollen oder müssen. Tschüss    

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Kommentare: 4
  • #1

    Beate (Sonntag, 27 Januar 2013 15:06)

    Friedwald …? Super Idee! Und bedeutend umweltfreundlicher als beispielsweise Erd- oder Seebestattungen.
    Eine Freundin von uns hat in einem dieser Wälder nach einem würdigen Abschied ihre letzte Ruhe gefunden. Und auch meine Asche soll am Fuße eines Baumes vergraben werden, das habe ich schon vor Jahren beschlossen.
    Wer an Adressen und Infos interessiert ist; hier zwei Links:

    http://www.friedwald.de/
    oder auch
    http://www.gds-bestattungen.com/friedwald/

  • #2

    Ildiko (Sonntag, 27 Januar 2013 15:39)

    Aha, interessant eure Meinungen dazu. Ich finde den Gedanken nämlich schon lange tröstlich, meine Moleküle in einer (irgendwann vielleicht) tausendjährigen Eiche verbaut zu wissen...
    Liebe Grüße aus dem Süden, der zwar nicht mit Werften, aber mit wunderschönen Friedwäldern dienen kann, schickt euch Ildiko

  • #3

    loire2012 (Sonntag, 27 Januar 2013 17:35)

    Ich bin im Herbst 2011 auf den Gedanken eines Friedwaldes gestoßen, als ein Bruder plötzlich verstarb. Er und seine Frau hatten sich "ihren" Baum gerade einige Monate zuvor ausgesucht. . . Bei aller Trauer war es eine faszinierende Idee, die mich seit dem nicht mehr losgelassen hat. Wie viel Zeit bleibt, weiß man nicht. Aber wer nicht anfängt mit einem solchen Projekt, seiner Planung, die dann zu vereinbarter Gewissheit wird, der wird auch nie fertig. eo

  • #4

    Eckehard (Dienstag, 29 Januar 2013 15:46)

    Nachdem ich als alter Segler jahrelang von einer Seebestattung geträumt habe, hat mich meine Frau inzwischen davon überzeugt, mit ihr zusammen im Friedwald die letzte Reise anzutreten. Wer möchte kann uns dort besuchen, aber eben ohne Zwang und Grabpflege. Auf jeden Fall werden wir dem natürlichen Kreislauf des Lebens wieder zugeführt. Und das ist sehr tröstlich.