Zwar anders, aber einvernehmlich - oder eben nicht

Moin, unser Frühstück hier am Obenende ist immer einer der Augenblicke konstruktiver Harmonie, weil wir für die Dinge der großen und unserer kleinen Welt immer einen gemeinsamen Nenner finden. Heute aber trugen wir die Diskussion des vergangenen Sonntagabend bei Herrn Jauch - auch die hatte natürlich einen zeitlichen Vorläufer - durch die dunkle Nacht bis auf den kerzenbeleuchteten Frühstückstisch. Keine Sorge, die Sexismusdiskussion erschüttert nicht unser Miteinander, aber macht deutlich, dass es zwischen Männern und Frauen einen Unterschied gibt. Und nun kann man als Mann natürlich (?) andere Männer vielleicht besser verstehen, will dieses Wissen ja auch nicht leugnen. Doch da beginnen die Fragezeichen ja auch schon und setzen sich bei den Frauen entsprechend fort. Kann das? Das kann.

 

Der Literaturkritiker Karasek z. B. hat das alles in lustige Anekdoten verpackt, die er zitierte, wie weiland aus einem Buch, welches zur Rezension vorlag, als es das Literarische Quartett noch gab. Wir meinen fast, er kam in den  Anekdoten selber gar nicht wirklich vor, wehrte jede Betroffenheit ab. Und Wibke Bruns stellte nur fest, dass 60.000 Twits auch nichts ändern würden, es fehle die Verantwortung für das Ganze. Dann waren da noch Sylvia Koch-Mehring und Alice Schwarzer, die von Spiegel-online heute eher gleichfalls dem Reich der Untoten in der Feminismusdebatte zugeordnet wurden. Nicht dass sie falsch lagen, nein, aber auch nichts Neues brachten. Und Neues lag ja auf dem Tisch, nämlich in dem Twitter#Aufschrei der Netzaktivistin Anne Wizorek nach dem Sternbeitrag zu Brüderle. Dadurch hatte die Sexismusdission eine ganz neue Qualität erreicht. Kann da? Das kann.

 

Völlig unberührt von der jahrzehntelangen Diskussion um Sexismus stellte sie u. a. zwei Dinge fest: zum ersten, dass man von Sexismus nur sprechen könne, wenn kein Einvernehmen vorliege, und zum zweiten, dass man doch nicht von den Bäumen heruntergekommen sei, um anschließend schnell wieder auf ihnen zu verschwinden. Danach schwieg Frau Bruns und auch die Worte von Frau Schwarzer wirkten (fast) überlebt. Alle anderen trugen ohnehin wenig Neues bei.

 

Das ist uns jedoch erst beim Nachdenken und in der Reflexion deutlich geworden: Zeitenwende. Nicht länger eine Frontfrau, sondern ein Netz, wird daraus eine Bewegung? Das Neue ist, dass dieses nicht in unserer Hand, in der Hand einer kleinen Gruppe liegt, ob Männer oder Frauen. Unterschiede werden nicht bestritten, jede der beiden Gruppen hat ihre spezifischen Eigenarten, die sie gerne im Einvernehmen austoben will, soll und kann. Ist es schwierig, dieses Einvernehmen "politisch korrekt" herzustellen? Nicht unser Problem. Und wir erinnern uns gleichfalls an Ereignisse im Arbeitsleben, ich an die Mitarbeiterinnen, die ich auch schon mal massiv auffordern musste, nicht barfuss während der Arbeit herumzulaufen, an die Mitarbeiterin, die sich zur wärmsten Sommerzeit weit über meinen Schreibtisch beugte, einen Plan zu erklären, und auch an die BILD-Reporterin, deren Brust ich im Gedränge versehentlich berührte - würde die mir heute Absicht unterstellen? Kann das? Das kann.

 

Es löst etwas aus, wenn Männer und Frauen zusammenarbeiten, Unterschiedliches, was es zu erkennen und wissen gilt. Und es erfordert Reflexion, dass es sich nicht über das erhebt, was einen in der Sache zusammengeführt hat. Machtausübung etwa schließt sich im Einvernehmen aus. Wir wünschen unseren Töchtern, denen, denen wir Vater oder Mutter sind, und all den anderen Töchtern dieser Generation viel Glück und Erfolg auf ihrem Weg, unseren Söhnen aber auch, der ganzen nächsten Generation. Muss das? Das muss.

 

Ein schwieriges Thema, weil m. E. die Frage des Einvernehmens allein durch den Verzicht der Machtausübung nicht herstellbar ist. Und manches Mal ist ES auch nur schön. Einfach nur so. Das kann doch nicht falsch sein? Kann das? Das kann wohl nicht. Gib mir trotzdem noch einen Kaffee und Tschüss.  

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Kommentare: 1
  • #1

    Hedi (Montag, 28 Januar 2013 11:50)

    Lieber eo,
    heute auch wieder einmal schriftlich - du hast meine geballte Zustimmung!
    Die Runde gestern Abend hat debattiert und dabei nicht begriffen, dass sie sich auf einer Ebene bewegt, die längst überholt ist. Die junge Frau Wizorek hat das Problem eine Stufe höher gehievt und der Rest der Truppe hat sich in seinem befangenen Denken selbst bloßgestellt.
    Wer zu spät kommt, den bestraft die öffentliche Blamage in einer Talkshow...