Einer von vielen Abschieden vom Taubenhaus

Moin, mal wieder spät am Abend und ein kleiner Nachtrag. Es war ein etwas trauriger Tag in Dortmund, dort am anderen Ende des Kanals. Die Westfälische Rundschau erschien nach vielen Jahrzehnten erstmalig ohne die Artikel der eigenen Lokalredaktion, den Inhalt kaufte man bei der bisherigen Konkurrenz ein, den Ruhrnachrichten. Natürlich wird dort auch ein guter Lokaljournalismus betrieben, nur eben ein anderer. Und Dortmund war es seit dem letzten großen Krieg gewohnt, die Vielfalt seiner Meinungen in zwei großen Tageszeitungen wiederzufinden. Das ist vorbei und zusätzlich verschwanden 120 Arbeitsplätze von festangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sowie mindestens genausoviele für freie Mitarbeiter. Ein Trauerzug von 700 Menschen formierte sich heute, dem Tag der ersten Falschausgabe. Ich war dabei. Muss das? Das muss.

 

Zuvor hatte ich Zeit, ein wenig durch die Stadt zu schlendern, Erinnerungen mit der Kamera zu dokumentieren. Es ist allerdings unfair, eine Stadt am Eindruck eines 2. Februar zu messen, der ohne Sonne war und an dem es leicht nieselte. Aber es war der Tag und ich war da, eher zufällig. So ist das. Unfair mag zutreffen, aber ich habe auch niemanden von der städtischen Verwaltung, dem Öffentlichkeitsapparat, getroffen, der den WAZ-Konzern als unfair bezeichnet hätte. Abschiede sind vielleicht immer unfair, weil der, der geht, auch woanders ankommen wird, wer bleibt dagegen sehen muss, wie's weitergeht. In Dortmund hingen die Glühbirnen von der Adventsbeleuchtung noch in den Bäumen, waren Bauzäune noch mit Tannengrün geschmückt und waren große Straßenkreuzungen, an denen es nach dem Stadtumbau keinen Verkehr mehr gibt, immer noch durch merkwürdig provisorische Umrandung und eine nur noch in Fragmenten vorhandene Begrünung geschmückt. Mittendrin stand das Wahrzeichen des neuen Dortmunds, das Flügelhorn, diesmal in blau. Auch nasser Winter ist an diesem Ende des Kanals, weit im Norden, schöner. "Ach, da kümmert sich schon seit einiger Zeit keiner mehr drum," sagte mir einer, der es wirklich wissen muss. Muss das? Das muss nicht.

 

Es war der Abschied von einer Stadt, in die man nie mehr zurückkommen wird, einer kalten Stadt. Und wenn ich an diesen Ort immer mal wieder zurückkehren werde, dann steht der da als eine andere Stadt. Ein Stadt mit Menschen, die ich neu kennengelernt habe, oder auch nur besser oder intensiver als zuvor. Eine Stadt, wo im alten Binnenschiff "Herr Walter" Kultur und Bildung angeboten wird als Kneipenkultur, andere freie Orte, die nicht dem Wahn unterliegen, für alles und jedes einen Superlativ zu  verwenden, weil sie sonst nicht vorkommt, diese Stadt.

 

Und nachdem diese Stadt aufgehört hat, zwei Zeitungen zu haben, aus zwei Meinungen wählen zu können, auf zwei verschiedene Berge steigen zu dürfen, seinen Vorort, sein Viertel zu betrachten, wird sich eine alternative Kultur entwickeln, Nachrichten zu erzeugen. Eine Kultur, die Neues hervorbringt, eine Kultur, die vielleicht eines Tages es denen auch ermöglicht, davon zu leben, die diese Kommunikationskultur tragen und betreiben. Dortmund braucht eine Alternative. "Dunkel" ist nur deshalb ein Begriff, wei es auch "hell" gibt, "schnell" nur dadurch zu verstehen, dass wir "langsam" kennen. Wird es das nicht geben, dann, Claudia K., dann kann man die Kultur in Dortmund vergessen. Ich habe heute endgültig Abschied genommen von der guten alten sozialdemokratischen Stadt Dortmund. Kann das? Das kann.

 

Und es passt in das Bild und die Fotos meines Abschieds, dass das Taubenhaus im Stadtgarten schwarz-gelb gestrichen und fest umzäunt ist, aber keine Taube zu sehen war. Und auch, dass der Oberbürgermeister nach meinen Kenntnissen bislang nichts zur Schließung der Lokalredaktion gesagt hat und zur Trauerfeier nicht erschienen ist, nur ein Grußwort verlesen ließ. Keinen Vertreter geschickt hat. Nur Claudia K., und die sprach für die freie Kunstszene, den Verlust für die Kultur. Ich betrauere den Verlust an Kultur in der Stadt des Deutschen Meisters. Muss das? Das muss.

 

Kein Kaffee mehr, ist wieder spät geworden. Tschüss.     

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Kommentare: 2
  • #1

    zypresse (Samstag, 02 Februar 2013 23:00)

    Ja, der Verlust der WR - das ist bitter für Dortmund.
    Bitter für den Journalismus ist der damit verbundene Maulkorb - denn Berichterstattung gab es nur durch wenige Zeitungen und durch den WDR ... die meisten, die heute früh die Wr aufgeschlagen haben werden's gar nicht bemerkt haben, was da passiert ist.
    Un müßte es nicht auch im Interesse der Kommunalpolitik (und -verwaltung) sein, eine breite Presselandschaft zu haben? Eine Berichterstattung, die Demokratie fördert, die andere Meinungen ermöglicht, die im besten Sinne "umfassend" ist?
    Schade drum!

  • #2

    Ernst-Otto Sommerer (Sonntag, 03 Februar 2013 09:57)

    Ja, es muss im Interesse der Kommunalpolitik sein. Deshalb empfand ich es ja auch so traurig, dass der Oberbürgermeister sich im Vorfeld nicht dazu ausgelassen hat, nicht persönlich zu einer der beiden Demonstrationen erschienen ist, sondern nur ein Grußwort verlesen lies, auch keinen Vertreter geschickt hat. Immerhin hat der Unterbezirksvorsitzende Flagge gezeigt. Und aus dem Rat habe ich mit einzelnen Mitgliedern sprechen können - man kennt ja nicht mehr jede(n) - über die Fraktionsgrenzen hinweg. Deshalb auch mein Abschied von der ursozialdemokratischen Stadt, die ich 1979 kennenlernte. Ich beginne aber eine andere Stadt am selben Ort für mich zu entdecken. . .