Zeitung ohne Hirn

Moin, seit einer Woche erscheint nun am anderen Ende des Kanals eine Lokal-zeitung ohne eigene Redaktion - die ehe-malige Konkurrenz liefert nun zu und den Mantel hatte eh schon die Konzernmutter zugebuttert. Doch das ist nicht ohne Hirn, denn kundige Journalisten stehen nach wie vor hinter den News, nur andere, und das Rot der Aufmachung ist schlicht eine Lüge des Herausgebers. Kann das? Das kann.

 

Sehr viel schlimmer, weil wohl doch mit eigener Redaktion, aber die ohne Hirn, tritt heute meine Ems-Zeitung auf, deren  Mantel in Osnabrück bei der NOZ hergestellt wird. Vor dem Hintergrund der unseligen Diskussion um Phillip Rösler, dem FDP-Parteivorsitzenden, schreibt sie auf der zweite Seite davon, wie stolz Angela Merkel darauf ist, in ihrem Kabinett ". . . einen Behinderten, einen Schwulen und einen asiatisch-stämmigen Minister zu haben, als Sinnbild eines toleranten Deutschlands, . . ." Nur, fährt die Redakteurin fort, in der Gesellschaft bricht sich immer wieder latenter Rassismus Bahn.

 

Wir waren sprachlos. Zum Glück waren Frauen nicht aufgezählt, denn dann hätten wir zusätzlich wieder eine Sexismusdiskussion. Wir hier am Obenende denken, dass die Vor-genannten nicht wegen ihrer hier aufgezählten Eigenschaften ihr Amt bekommen haben (auch der Schwule und der Rollstuhlfahrer sind Minister, sei aus der germanistischen Ecke angemerkt!), sondern aufgrund ihrer Qualifikationen. Über die kann man anders denken, sonst aber gar nichts! Kann das? Das kann.

 

Uns fehlen Worte und Begriffe, diese Reduzierung von Menschen auf sachfremde Eigenschaften zu beschreiben, bei der Frage von Sexismus war das noch einfach und soll hiermit nicht vermengt werden. Dennoch hat sich spontan ein Wort von Loriot aufgedrängt: "Frauen sind aus dem Straßenbild kaum noch wegzudenken." Nicht wahr, eine solche Aussage halten wir doch wohl überall für absurd, nicht nur am Obenende. Schwule und Lesben kennen wir viele, und ob wir jeden einzelnen und ihre Freunde mehr schätzen als andere, machen wir nicht von der sexuellen Orientierung abhängig. Menschen mit ausländischer Abstammung begegnen wir mit gebotener Neugier und offenen Armen, können zuhören und uns auf sie einstellen. Wir werden ja sehen, ob wir sie auch für uns interessieren können. Mit Behinderten können wir mitfühlen, wehren uns aber gegen caritatives Mitleid. Das haben diese Menschen nicht verdient! Sie haben unseren Respekt zu erwarten für das, was sie schaffen, so wie es jeder andere zu erwarten hat. Nur für uns ganz privat sollten wir nicht vergessen, dass ein Rollstuhlfahrer es auch schon einmal schwerer hat als andere. Kann das? Das kann.   

 

Müssen es immer Dimensionen eines platten Proporzes sein, die unsere gesellschaftliche Integrationskraft belegen? Demnächst vielleicht eine Wissenschaftsministerin ganz ohne Uniabschluss als Integrationsstärke des politischen Willensbildungsprozesses reklamie-rend? "Gebt Alkoholikern doch eine zweite Chance" höre ich es schon rufen, wenn ein Minister seinen eigenen Ansprüchen an bürgerliches Wohlverhalten nicht genügt und in Frage gestellt wird. Menschen haben Ecken und Kanten. Und wenn ich ein Mann mit zuviel Gewicht bin, 1,92 m groß und auch gut zu Fuß bin, dann habe ich andere Ecken und Kanten als eine Frau, ein Rollstuhlfahrer oder auch ein kleiner, dünner Rumäne. Muss das? Das muss.

 

Das wissen wir am Obenende genauso, wie die in Berlin im Kanzleramt. Und während im Kanzleramt auch nicht nach solch sachfremden Kriterien ein Kabinett zusammengestellt wird, machen wir das am Obenende bei den Vereinsvorständen auch nicht. Ich glaube nicht von Angela Merkel je gehört zu haben - man hört ja so vieles - sie sei stolz auf ihre integrative Leistung, weil sie so viele benachteiligte (?) Menschen in Ihrem Kabinet habe. Ich denke, sie misst ihre Kollegen neben der Fachlichkeit allein an der politischen Integrität. Und wenn die Zeitung ihr etwas anderes in den Kopf legt oder in den Mund, dann handelt diese ohne Hirn, weil sie das alles nicht bis zum nächsten Tag weiterdenken kann. Muss das? Das muss.

 

Und noch immer fällt mir kein Wort für den Unsinn ein. Nur, dass die Verantwortlichen gesellschaftlichen Zusammenhalt vorleben müssen - und verantwortlich sind wir alle, auch und besonders die Zeitung. Wir dürfen uns allenfalls abends am Kaminfeuer selber lobend auf die eigene Schulter klopfen, am Grappa nippen oder ein Gläschen vom feinen Roten genießen. Ganz privat stolz sein, dass wir es heute wieder geschafft haben, den Menschen an seinem Tun und nicht seinem Sein zu beurteilen. Tue Gutes und quassel nicht immer drüber. Muss das? Das muss nicht.

 

Schnell noch eine zweite Tasse Kaffee und dann nach dem Schnee schauen - der Nachbar macht den nicht weg! Tschüss     

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