Der Wahrheit ein Bein gestellt

Dieselbe Straße - zwei Wahrheiten?
Dieselbe Straße - zwei Wahrheiten?

Moin, mancher wird in diesen Tagen ins Straucheln kommen, da sind wir sicher. Die eine oder der andere wird damit gut umgehen können, wie jedes Jahr, auch da sind wir hier am Obenende sicher. Karneval unterliegt bestimmten Ritualen. Nicht diese bestimmen die Fröhlichkeit der Menschen, sie halten sie lediglich in Grenzen oder geben ihnen ein Ventil, ihr Urbedürfnis nach Ausgelassenheit zu leben - je nach persönlicher Einschätzung, nein, es wird ganz allein von innen her bestimmt. Es, das sind die Kostüme und überhaupt, der Verein und sein Zugwagen, der Urlaubstag oder nicht, die erlaubte Zügellosigkeit an diesen tollen Tagen. Gibt es eine Wahrheit für unser Leben? Dann würde Karneval einen Sinn geben, denn wir spüren am Aschermittwoch, wenn alles vorbei ist, was wieder wirklich ist. Und wir wissen: Wir haben der Wahrheit ein Bein gestellt, die steht jedoch wieder auf, schüttelt uns die Hand, verzeiht müde grinsend, und wir beide machen gelöst weiter, freuen uns auf den kommenden Frühling. Muss das? Das muss wohl.

 

Hier am Obenende konnte man sich noch flugs den Segen der Kirche abholen, bevor der Zug losging, das klingt für mich wie das feierliche Absingen der Nationalhymne vor dem großen Spiel - aber ich bin ja auch Protestant. Einige Unterschiede zum Katholizismus gibt es da schon, wie uns gestern die Runde im Fernsehen wieder gezeigt hat. Der Hamburger Weihbischof sprach davon, dass die (katholische) Kirche sich nicht laufend erneuern muss, sie sei eine Konstante, muss aber bei den Menschen sein, diese auch mitnehmen, also überzeugen. Der Vorsitzende der deutschen (evangelischen) Bischofskonferenz sah vieles ähnlich wie sein Hamburger Bruder (so titulierten sie sich, und das war gut so), formulierte den Anspruch der evangelischen Kirche aber so, dass diese aus der Mitte ihrer Mitglieder heraus leben würde - wie immer das nun praktisch geht, es ist eine andere Position. Gibt es eine Wahrheit für uns, z. B. den einen Gott, der von den beiden Bischhöfen bestätigt wurde, und nur verschiedene Wege dorthin zu gelangen? Oder führt jeder der beiden Wege zu einem anderen? Dann wäre der Wahrheit ein Bein gestellt worden. Kann das? Das kann wohl - nicht nur in diesen Tagen.  

 

Wahrheit sieht nämlich anders aus. Da ist die Freude, fünf gerade sein zu lassen, zu sehen, wie sich die Generationen öffentlich freuen, über alle Genzen hinweg. Über jede Herkunft nur fröhlich sind, hineinsteigen in ein Kostüm und - das wollen wir einmal auch so glauben, weil alles andere auch nicht sinniger ist, das auch einmal sind, was sie darstellen: Prinzessin, Cowboy, Obelix oder Vamp, Kettenhund oder Hexe, egal, es ist ja nicht die Wahrheit, der hat man einvernehmlich ein Beinchen gestellt und wird ihr auch wieder hochhelfen, wie jedes Jahr. Das ist die andere Wahrheit. Muss das? Das muss.

 

"Gott ist Gott," soll lt. Sueddeutscher Zeitung der einzige wirklich tragfähige Satz am gestrigen Abend bei G. Jauch gewesen sein. Aus evangelischem Mund und ich denke, dann haben zumindest auch ein Imam und ein Rabbi in der Runde gefehlt, denn Islam und Judentum berufen sich auf dasselbe Alte Testament, wie auch die christlichen Kirchen. Mitfeiern tun ihre Anhänger gewiss. Und so hat sich der Karneval von seinen Ursprüngen weit entfernt, ist zu einem übergreifenden Volksfest, das viele Herzen und Gemüter erfasst, geworden. Wie Weihnachten, wie Ostern, fast auch wie Kommunion, Konfirmation, das Fastenbrechen im Ramadan oder das dem Laubhüttenfest folgende Torafreudenfest. Die Welt mit ihren eigenen Wahrheiten lässt grüßen. Soll das? Das soll.

 

Jede Zeit kennt ihre Wahrheit und keine ist unvergänglich - auch wenn uns das die Kirchen gerne, bis auf die Zeit des Karnevals, anders darstellen, jede für sich. Manche, wie z. B. v.u.z. Guttenberg hatten das noch nicht verstanden, auch Wulff nicht. Schavan ist daran zerbrochen, so wie Kohl auch. Wehner und Brandt, haben sie in ihrer Zeit geprägt, würden heute scheitern. Schmidt hält noch an seiner fest, aufrecht streitend, das ehrt ihn. Genauso Steinbrück, der die neue Wahrheit über die Gesellschaft seiner Vorstellung jedoch noch hinzuzufügen hat - anstelle ihr ein Bein zu stellen. "Politik ist kein Karnevalsumzug," möchte man der wahrheitssuchenden FDP zurufen, "und die Ökologie unserer Welt kein immerwährendes Refugium für die Kreuzkröte," in Richtung der Grünen nachschieben. Dass der Mensch allein durch "Das Kapital" beschrieben wurde, hatte Marx als Wahrheit in die Welt gesetzt. Die Linken haben noch nicht verstanden, dass diese Wahrheit nicht mehr ausreicht. Alle stellen der Wahrheit ein Bein - ohne ihr jedoch anschließend wieder hochzuhelfen.

 

Die Wahrheit ist die vom Obenende: Das Leben wie die Zugvögel führen, frei schwebend über alle Grenzen, dem Klima folgend, vorbereitet und angepasst sein, allen Fährnissen zu begegnen. Bald kommen sie wieder auf ihrem Zug in den Norden hier vorbei. Diese Wahrheit lässt sich kein Bein stellen. Sie ist unerbittlich und ewig. Unser eigenes Leben. Ist das? Das ist.  

 

Drum noch in Ruhe eine Tassee Kaffee genußvoll geschlürft, die Zeitung zuende gelesen und alle Halbwahrheiten abgehakt. Tschüss           

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