WIR waren Papst - WIR haben es uns nun verdient

Moin, na, das war ja gestern turbulent. In Rom sicherlich auch und anderswo. Die nette Fischverkäuferin hier am Obenende nahm unsere Nachricht beim Kauf von vier Schollenfilets zunächst als Karnevalsscherz, denn sie kämpfte den ganzen Tag schon mit Mißgeschicken. "Und dann ist auch noch der Papst zurückgetreten," fügte ich hinzu. Breites, verständnisvolles Grinsen über diesen ausgeleierten Kundenwitz, dann aber nacktes Entsetzen: "Der Papst?" Der Verkauf ging trotzdem weiter. Muss das? Das muss.

 

Denn das Leben hört hier ja deshalb nun nicht auf, auch nicht in Rom, auch nicht im Vatikan. Auch nicht bei facebook und in der übrigen Medienlandschaft nicht, obwohl es eben dort recht turbulent zuging und noch zugehen wird. Sicherlich lage das Bild für die erste Seite unserer Ems-Zeitung schon beim Setzer: Karneval in Köln, es war ja abzusehen, dass die Sonne scheinen würde . . . Heute allerdings: Die ersten vier Seiten im Mantel nur Papst. Dann erst Obamas Abrüstungspläne. Später im Regionalteil noch einmal eine halbe Seite Betroffenheit. Und wir auch, dem Grunde nach war es der erste wirkliche Rücktritt eines Papstes in der Kirchengeschichte, was werden die wirklichen Gründe gewesen sein? Vor 720 Jahren gab es einen Rücktritt, weil er, Pietro del Murrone, nach 2jährigem Leerstand des Papststuhles 1294 zum Papst gewählt wurde, als Coelestin V. Er wird unwissend gewesen sein, denn nach 5 Monaten und 5 Tagen gab er überfordert auf und wurde 9 Jahre später von Clemens V. heilig gesprochen. Bereits 235 war Papst Pontianus zurückgetreten, nachdem ihn die Römer wegen seines Märtytertums in ein Bergwerk eingesperrt hatten. Kann das? Das kann.

 

Auf unseren Papst trifft das fast alles nicht zu. Weder ist er ein Märtyrer, noch einfach so in das Amt hineingestolpert. Nein, er war gut vorbereitet auf dieses Amt, hatte alle wichtigen Stationen durchlaufen, die katholische Kirche auf allen Ebenen zu verstehen, war Vertrauter des vorherigen Papstes und Leiter der Glaubenskongregation - den meisten besser bekannt als die historisch berüchtigte Inquisition. Er muss das Innere der Kirche gekannt haben, den Weg auf den Papststuhl im hohen Alter von 78 Jahren bereitwillig gegangen sein und nun tritt er zurück, weil er sich von den auf die Kirche zukommenden Aufgaben überfordert fühlt. Das ist aber eine andere Überforderung, als die von 1294.  

 

Wir merken das hier am Obenende ja auch, die Zeiten sind anders, der Wechsel sehr viel schneller als vor 20 Jahren. Da gab es noch kein handy, kein facebook und kein twitter. Kriege zu führen hatten sich die Großmächte lange Jahrzehnte gescheut, es gab ja nur unpräzise Vernichtungswaffen, jetzt zunehmend mehr Präzisionsgeschosse, die zwar auch vor zivilen Menschen nicht halt machten, aber die Kriege regional begrenzen konnten. Die Welt veränderte sich. Globaler Strukturwandel, Rückbau der Montanindustrie - und immer größere Schiffe am Untenende, überall Flugzeughäfen für Billigliner und, und, und. Und die Kirche mittendrin? Mitnichten, außen vor! Das merkt man hier am Obenende nicht sofort, weil hier ein Swin oder eine Kau noch etwas zählt, so eine Art Safe bei der Sparkasse ist, wenn die Rechnung beim Tierarzt pünktlich bezahlt wird. Sonst aber? Kann das? Das kann.

 

Ja, und WIR haben das jetzt auch nicht besser machen können. Ökumene, Missbrauch, ideologie-behaftete Medizin, Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen, Finanzgeschäfte und Bankenwesen, Machterhaltung und mafiöse Ränkespiele. UNS ist das nun doch zuviel geworden, konnten WIR doch nicht absehen, wo wir Kirche ein Leben lang als die fromme Wissenschaft vom guten Leben verstanden, gerne und streitbar diskutiert, sowie als historisch unfehlbar entwickelt ansahen. Die Reformation hat allenfalls zu besonderen Gruppen in der katholischen Kirche geführt, zu keiner eigenen protestantischen Kirche. Aber das ist ein andere Thema.

 

Und nun sind WIR müde, haben UNS den Ruhestand verdient? Kann das? Das kann wohl, aber: Die Wahrheit ist eine andere. Die Dinge um die Kirche haben sich für sie derart schnell strafverschärfend verändert, weil sie zu spät kam. Der Strukturwandel ist nicht nur angekommen, er sitzt bereits in der Küche und wartet auf das Mittagessen. Nur, der Koch ist in die Altersteilzeit - Freistellungsphase - abgetaucht. Wir gönnen es ihm, ob jetzt aber auch die Stelle eingespart wird? Darf das? Das darf wohl nicht.

 

Eine gute Tasse Kaffee drauf, ein protestantisches Augenzwinkern und Tschüss. 

 

 

 

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