Bunt soll sie sein - und frei muss sie werden

Keramik von Gundula Sommerer
Keramik von Gundula Sommerer

Moin, wir sind sehr froh darüber, in einer bunter werdenden Gesellschaft zu leben. Jede neue Facette gibt uns die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen. Gerade mit dem Älterwerden ist das wichtig, denn vielen steht noch das Bild des grauer werdenden Alltags im Gesicht geschrieben. Stellvertretend die Bleyle-Jacke. Oder das ewig dunkle Kostüm und oben drauf die Blumenkohlfrisur. Bleyle, das steht für solches. Fast 100 Jahre alt wurde diese Firma, bis sie 1988 in Konkurs ging - mit ihr, so wollen wir es mal ausdrücken, die Vorstellung einer uniformen Gesellschaft. Alles findet sein Symbol. Kann das? Das kann.

 

Wir sind nicht nur froh, sondern auch dankbar darüber, heute mit vielen sog. Minderheiten in unserer Gesellchaft wie selbstverständlich umzugehen, sie auch zu unserem Freundeskreis zu zählen. Man nennt sie Schwule und Lesben und reduziert sie damit auf ihre sexuelle Orientierung. Wie kleingeistig! Wir alle sind Menschen und werden uns sicherlich nicht nur auf der Ebene der Sexualität begegnen. Wir wollen im Übrigen nicht von Schwulen und Lesben aus der gesellschaftlichen Entwicklung ausgegrenzt werden! Man nennt sie Ausländer und bezeichnet insgeheim damit Menschen, die aus Ländern kommen, welche andere Normen und Möglichkeiten leben als wir es tun: (Süd-) Osteuropäer, Asiaten, Afrikaner unisono. Wir grenzen uns von diesen damit ab und verstehen nicht, dass wir uns damit aus der Welt ausgrenzen - die ist vielfältig und jeder hat dort seine Position. Muss das? Das muss.

 

Ein Spiegelbild dieser Welt finden wir vor unserer Haustür, auch am Obenende. Und ich begreife, dass ich auch zu einer Minderheit gehöre, der der heterosexuell orientierten Männer. Und diese wehrt sich gegen den pauschalen Vorwurf, nicht anders denn als Sexist durch die Gegend zu laufen. Die große Gruppe der Frauen ist dann meist blond und weiss das auch nicht besser. . . Welch ein Blödsinn! Wir müssen verstehen, dass wir alle Individuen sind mit demselben Anspruch auf Freiheit, dass wir solidarisch handeln müssen, weil andernfalls nicht nur die Freiheit des Einzelnen eingeschränkt wird, sondern Freiheit dann nur noch im Wege der Macht gelebt werden kann - und das ist keine Freiheit.

 

Solidarität zu leben ist das eine - das tun wir. Solidarität dort zu organisieren, wo es komplex wird, ist dagegen Sache des Staates, etwa durch eine gerechte Verteilung des Steueraufkommens. Steuern empfinden wir zwar auch am Obenende als eine lästige Einrichtung, sind es aber gut zufrieden, wenn unsere Ziele und Interessen dadurch gewahrt bleiben. Es gibt ja auch Wahlen, hoffen wir etwas zweifelnd, aber dann doch an unsere Demokratie glaubend. Und wer mich kennt, der weiss, dass ich gerne das Fernglas verwende, in die Zukunft zu schauen. Dort sehe ich wenig Kinder aber viele Erwachsene, die als Paare bemüht sind, ihren Unterhalt zu verdienen. Und wenn ich Kinder sehe, dann zunehmend mehr, die nicht in besonders legitimierten Partnerschaften wie Ehe oder eingetragenen Lebenspartnerschaften ihr Zuhause haben, sondern irgendwie anders. Kann das? Das kann.

 

Wir brauchen alle Kinder. Und wer diese Kinder großzieht, wird nicht nur Freude daran haben, die alles andere per se ausgleicht, sondern auch Erschwernisse, die der Staat solidarisch ausgleichen sollte. Bis 1988 - nehmen wir einmal dieses symbolische Datum des Konkurses der Bleyle-Werke - tat er das durchaus sinnvoll über das sog. Ehegattensplitting. Das wird zunehmend widersinniger, weil unsere Welt eine andere geworden ist. Sie wird bunter und befreit sich - braucht aber weiterhin unser aller solidarisches Verhalten. Deshalb muss das Ehegattensplitting zugunsten einer sehr viel intensiveren Förderung der Kindererziehung abgeschafft werden. Für eine Ausweitung auf eingetragene Lebenspartnerschaften gibt es nur den abstrakten Grund einer Gerechtigkeit in der Gleichstellung mit der Ehe. Partnerschaften sind zwar weiterhin eine nicht unwesentliche Voraussetzung für Kinder, aber sie werden zunehmend bunter und nicht allein auf eingetragene Lebenspartnerschaften oder Ehen zu beziehen sein. Freiheit beginnt dort, wo ich von mir heraus entscheide, was ich möchte - nicht unter Hinzuziehung eines Steuerberaters. Muss das? Das muss.

 

So, mal wieder eine Lanze gebrochen für die Zukunft - und Gegner motiviert, mich als einen ewig Gestrigen zu geißeln. Ich halte es aus, weil ich weiter sehe. Tschüss            

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    einediealsKindimmerBleyletragenmusste :-(( (Mittwoch, 20 Februar 2013 09:57)

    100% einverstanden! Außer mit dem letzten Abschnitt: ich sehe hier keinen einzigen Grund, den Autoren einen ewig Gestrigen zu nennen. Geschweige denn zu geißeln!

  • #2

    loire2012 (Mittwoch, 20 Februar 2013 11:33)

    Mein Dank an dich, die als Kind immer Bleyle tragen musste und sich jetzt davon offensichtlich befreit hat! Im Übrigen hatte ich vergessen, einen Gedanken mit aufzunehmen. Nämlich den, dass mein Daumen immer in der Minderheit ist und kaum eine Bierflasche halten kann. Tut er sich aber mit dem Zeige- und dem Ringfinger zusammen, bildet er eine Mehrheit und schafft jede Buddel!