Der Präsident hält Hof - nur bei Tee?

Moin, da gibt es so viel zu berichten von dieser Seite des Dortmund-Ems-Kanals, ab da etwa, wo der Kanal bei Lingen zunächst in die Ems mündet, dann aber das Mäandern der Ems immer wieder durch einen Seitenkanal für die Schifffahrt ausgleicht - bis zum Untenende, wo hier die Ems-Zeitung residiert. Da ist dann Schluss - und es wird richtig lustig. Das müssen wir aber noch raushauen. Denn unser Bernd, der Busemann aus Dörpen, ist jetzt Landtagspräsident geworden, ein steiler Aufstieg, denn vorher war er nur Justizminister. Aber einer, der 65 % holt, den kann man ja nun nicht einfach in der Opposition verschwinden lassen, für den braucht es einen Ehrenplatz. Muss das? Das muss.

 

Den hat er jetzt auch und meine Ems-Zeitung berichtet von seinem persönlichen Wahltag mit sechs Fotos - alle übrigen CDU-Emsland-Honoratioren wollen ja auch einmal in die Zeitung - dann auch gleich vom Empfang der Getreuen beim Präsidenten-Tee. Ganz spontan hat er sie in seinen neuen, viel schöneren Dienstsitz eingeladen, den zufällig dabei stehenden Lokalchef der Ems-Zeitung gleich mit. Da sitzen sie nun in trauter Runde und freuen sich vielleicht über irgendetwas. Aber Fröhlichkeit sieht anders aus. Wohl etwa, weil es nur Tee und Sprudel gibt, sowie etwas Saft? Gut in den Vordergrund des Fotos gehoben, damit jeder sieht: hier gibt es kein Bier, das hatte ja nach der Nominierung für Verdruss gesorgt. Oder aber, alle schauen so ernst, weil sie das mit der Opposition noch nicht so richtig glauben wollen und jetzt sinnieren, was das wohl sein könnte. Kann das? Das kann.

 

Meine Ems-Zeitung hat das mit der Opposition und vor allem mit dem Politikwechsel auch noch nicht so ganz begriffen. Sie verfängt sich mit solch einer Hofberichterstattung ganz fürchterlich im Gestrüpp einer neuen Neutralität. Und sofort reagiert mein Ortsverein mit einem Leserbrief: ". . . Fällt es so schwer, zu akzeptieren, dass in Hannover eine neue Regierung gewählt wurde? Sind der Tee beim Landtagspräsidenten und die Fotos der Honoratioren der CDU aus dem Emsland wichtiger als ein Meinungsbild aus dem Emsland zur neuen Regierung?. . . ". Muss man wirklich eine Zeitung daran erinnern, dass es um die neutrale Wahrheit geht und nicht, ob sie die akzeptiert?  Man kann dem nur zustimmen und der Brief wurde auch in Gänze, wenn auch etwas versteckt, abgedruckt, hier ist es ja nur der Auszug. Soll das? Das soll.

 

Und was gäbe es noch aus Hannover zu berichten, wo der Lokalchef doch gerade da ist. Z. B. etwas Inhaltliches von der Regierungserklärung des neuen Ministerpräsidenten, dass man hier weiss, worum es geht. Natürlich kann ich mir die Rede runterladen, aber wozu habe ich die Zeitung für 30 € im Monat? Nein, der Tee-Empfang steht im Vordergrund. Stattdessen dann heute: Ausführlich zerreisst die CDU-Opposition die Erklärung, in allen Details. Damit wird etwas in der Zeitung beschrieben, was keiner kennt. Beschreibe dem Blinden einmal die Sonne - er spürt nur die Hitze. Aber das passt natürlich. Auch, dass das Emsland seitens der SPD jetzt durch eine Ostfriesin vertreten wird. Die ist zudem Fraktionsvorsitzende und sagt selber, dass sie jetzt seltener in ihrem eigenen Wahlkreis zu treffen sein wird. Sie müsse nun das ganze Land im Blick haben. Zum Glück für die CDU, denn ihr Präsident, das erwartet meine Ems-Zeitung, wird sich besonders um uns kümmern können, hat ja nur die Köpfe im Landtag zu organisieren. Und dann wird die Genossin aus Ostfriesland mit dem Satz zitiert, dass sich die Grenzlinie zwischen Ostfriesland und dem Emsland ohnehin verwische. Recht hat sie - politisch. Aber die tägliche Wirklichkeit sieht am Obenende, wenige Kilometer von Ostfriesland entfernt, anders aus. Hier denkt man noch in den Kategorien des Nordkreises, also in der Zeit vor der Kommunalreform 1977. Und als ich Hermann erzählt habe, dass ich wohl beabsichtige, dem Angelverein in Westoverledingen, Westrhauderfehn oder dem Rheiderland beizutreten, schaute er mich fassungslos an: "Das ist doch in Ostfriesland!" Ist das? Das ist!

 

Ja, so ist das in der Kanalstadt hier bei Km 226, kurz vor dem offenen Meer. Aber steht den Menschen bei Km 1 nicht auch das Entsetzen in das Gesicht geschrieben, wenn sie in DO-Mengede wohnen und Handball in DO-Wellinghofen spielen. Das ist Heimat, die zählt. Und wenn man schon nichts mehr hat, dann sind wir eben Präsident vom Landtag - und was bist du? Ostfriesland zählt nicht wirklich. Die trinken nur Tee. Und wenn man genau auf das Bild schaut, dann war das sogar auch "nur" Kaffee beim Präsidenten. Kann das? Das kann.

 

Also, wenn die Ems-Zeitung das auch nicht richtig darstellt, sondern ihr eine populäre Headline (die Queen trinkt ja auch nur tea!) wichtiger als die Wahrheit ist, dann lieber noch einen heißen Kaffee hier am Obenende und Tschüss.

 

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