Brual - ein Ort zwischen den Welten

Moin, man lernt ja nie aus, hier am Obenende. Insbesondere die Geografie stellt einen immer wieder vor neue Herausforderungen. Gestern haben wir lernen können, Dörpen und Hannover in einem Atemzug zu nennen. Herr Busemann machte das möglich. Auch Ostfriesland und das Emsland werden miteinander verbunden, über Frau Modder, die Fraktionsvorsitzende der SPD im Landtag. Aber da haben wir schon gewarnt, denn sie wird mit der Vorstellung in der Ems-Zeitung zitiert, dass die Grenzen zwischen Ostfriesland und dem Emsland sich ohnehin verwischen würden. Nun, dem stellt heute der Lokalchef - gestern noch in Hannover, heute in Brual - die Historie entgegen und macht dies an seiner "EZ-Heimatreise" fest. Kann das? Das kann.

 

Brual, ein Ort flach wie 'ne neue Teflonpfanne, mit einer einzigen Erhebung mittendrin, der Brücke über die Autobahn A 31, welche den alten Ort von der neuen - noch sehr viel kleineren Siedlung, erbaut von und für Flüchtlinge(n) nach dem 2. Weltkrieg - abtrennt. Der Ort hat insgesamt etwa 700 Einwohner und wurde im 10. Jh. erstmalig genannt. Als befestigter Vorposten zum feindlichen Ostfriesland besaß er über die Jh. eine gewisse strategische Bedeutung. In Brual konnte man die Ems leicht absperren, weshalb es für die Mächtigen der damaligen Welt wichtig war, diesen Ort zu besitzen. Der "Alte Fritz" kam auf seiner Reise nach Aurich/Ostfriesland auch nur bis nach Brual, bis er in Schlamm und Matsch stecken blieb und deshalb unverrichteter Dinge heimkehrte. Während der Naziherrschaft war hier das Lager III, eines von 15 Emslandlagern. Und immer warnten der Pfarrer sowie die Eltern vor den bösen Ostfriesen, denn in Brual soll es immer wunderhübsche Mädchen gegeben haben, schreibt meine Ems-Zeitung. Kann das? Das kann wohl. 

 

Auf zwei ganzen Seiten und 18 bunten Fotos wird dieser wichtige Ort beschrieben. Und wir lernen auch, dass es viele Vereine dort gibt. Beispielsweise den Johannesverein, den ein Pfarrer 1956 geründet hatte und wo nur Mitglied werden kann, wer Johannes oder mittlerweile auch Johanna heißt, sowie etwas drum herum mit den Namen. Eine starke Damenschießgruppe ist im Schützenverein zuhause. Aber noch ist keine Schützenkönigin in Sicht, gibt noch genug Männer, heißt es in der Ems-Zeitung. Oh, politisch korrekt? Kann das? Das kann nicht.

 

Es gibt noch - neben wahrscheinlich vielen anderen - die katholische Frauen-Gemeinschaft, von der drei junge Frauen stolz die Fahne präsentieren und einen eigenen Fussballverein mit einer ureigenen kuriosen Erinnerung. Vor knapp 40 Jahren nämlich spielte diese Mannschaft kurz vor der Halbzeit versehentlich mit 12 Mann gegen die Mannschaft aus Wieste. Man versuchte noch heimlich einen vom Feld zu nehmen, aber das gelang nicht und ein Kind am Spielfeldrand bemerkte den Fehler. Das Spiel wurde abgebrochen. Ja, so ist das hier, das alles und der Busemann aus Dörpen sind die Themen, mit welchen die Abonnenten bei der Stange gehalten werden sollen. Hier interessiert, was immer schon interessiert hat - und um das zu verstehen, interessiert es uns auch. Neuerdings führt die Ems-Zeitung einen Liveticker für die Spiele der Kreisliga ein, stand gestern in der Zeitung. Da wäre das sicherlich nicht möglich gewesen, mit dem 12. Mann, denn die Zeitung hätte ja alles bis zu einer bestimmten Ebene penibel dokumentiert - wenn auch online über das smartphone, das ipad oder das notebook. Man muss ja nicht die Inhalte anpassen, wenn man mit der Zeit gehen will, nur die Form der Darbietung. Darf das? Das darf nicht.  

 

Wir meinen, dass es nicht ausreicht, an den alten Inhalten kleben zu bleiben. Zumindest muss man dran bleiben und diese weiterentwickeln. Was hilft es, wenn der Zeitungsmantel eine Sexismusdebatte als Serie über sechs Folgen ankündigt und der Heimatteil unkritisch das als "schön und richtig" Empfundene auf breiter Linie verfestigt? An eine Schützenkönigin denken wir erst, wenn wir keine Männer mehr dafür haben . . . Brual, ein Ort wie so viele im Emsland. Sicherlich sehr schön dort zu leben und eine Geschenk für jene, die es auch tatsächlich können. Ich kenne das von den Siedlergemeinschaften am Anfang des Kanals. Alle kein Modell, die Welt zu retten, sinnvoll weiterzuentwickeln - machen nur gut zufrieden. Von einer Zeitung erwarte ich mehr. Muss das? Das muss.

 

Gestern hatten wir über 100 Besucher in 24 Std., spricht meine Statistik. Wow, danke - Ihr in der Welt da draußen, kommt wieder auf ein Tässchen Kaffee vorbei! Tschüß.   

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Kommentare: 2
  • #1

    eineausderWeltdadraußen (Samstag, 23 Februar 2013 08:44)

    ... sind wir nicht alle ein bisschen Brual?

  • #2

    loire2012 (Samstag, 23 Februar 2013 17:03)

    . . .es gibt aber auch Dinge im Leben, die muss man irgendwann hinter sich lassen, z. B., Brual und den Drang sich einzubuddeln, als Bollwerk gegen das Böse.