Jedem seinen Sarrazin

Moin, ach herjeh, was können doch Hinterbänkler für einen Tumult auslösen. Da rückt einer im kleinsten Bundesland der Republik nach, weil jemand anderes verstorben ist, und schon steht dessen Homepage im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses - zumindest hier am Obenende, weil Meinung ja nicht unwesentlich von unserer Ems-Zeitung stammt. Und gerade Meinung, die mit den Erfahrungen hier überhaupt nichts gemein haben. Und dann noch Mitglied der SPD-Faktion in der Bürgerschaft der Hansestadt Bremen! Also ein SPD-Mann, der rassistische Äußerungen öffentlich verbreitet und auch den Sexismus nicht außen vorlässt. Darf das? Das darf wohl nicht.

 

68 Jahre ist der Mann nun alt und sieht sich plötzlich mit merkwürdigen Äußerungen von "Bild" und "tageszeitung" ins Rampenlicht gezerrt. Als verheirateter Katholik und Vater dreier Töchter beklagt er den  Massenmord der Abtreibungen und bedauert den Niedergang des Patriarchats: Männer wie er (60 und älter) sind die letzten Vertreter eines untergehenden Herrschergeschlechtes. Nun übernähmen zunehmend Frauen und Immigranten die Macht im Lande. Und dann kritisiert er noch schnell den "Krippenwahn" und den "Wahn der sogenannten Selbstverwirklichung der Frau". Zu Roma und Sinti schreibt er, so alles säuberlich zitiert in meiner Ems-Zeitung, dass diese sozial und intelektuell noch im Mittelalter leben, und weiter, dass die Männer keine Hemmungen haben, ihren Frauen die Zähne auszuschlagen, sich selber aber Stahlzähne gönnen. Viele der jungen Männer würden sich mit Klebstoffausdünstungen das Gehirn wegschmelzen. Usw. Kann das? Das kann wohl leider so geschrieben worden sein.

 

Nun hat er nicht als SPD-Mitglied seinen Unterhalt verdient, sondern als Lehrer für Deutsch und Geschichte - das wiegt sehr viel schlimmer! Welch einen blühenden Unsinn mag er seinen Schülern jahrzehntelang erzählt haben, was diese möglicherweise ein Leben lang nicht vergessen und schlimmstenfalls sogar als Fakten nehmen. Oder hat sich der "Lehrer" auf seiner Homepage nur ausgetobt, weil ihm schon lange keiner mehr zugehört hat? Aber ihn nun mit Thilo Sarrazin zu vergleichen ("Ems-Zeitung: Jetzt hat auch Bremen einen Sarrazin") wohl nur, weil er SPD-Mitglied ist, scheint doch etwas zu weit hergeholt. Der Mann aus Bremen ist nämlich sektoral einsichtig. Zumindest hat er Teile seiner Homepage vom Netz genommen und bezeichnet seine pauschale Roma-Schelte als völlig unausgegoren. Und außerdem sei er beim Schreiben krank und übermüdet gewesen. Nanu, denken wir, krank? Und plötzlich schießt uns von ganz quer ein anderer Gedanke durch den Kopf: Der Papst hat doch noch kürzlich, war es 2011 (?), die Vorhölle abgeschafft. Ein Kabarettist hat darauf eingehend festgestellt, dass manche schon für sehr viel weniger in der Psychatrie gelandet seien. Ach so, aus welchem Jahr mag das Zeug sein und sollte es vielleicht mithelfen, etwas früher eine Pension zu beziehen? Kann das? Das kann.

 

Dass diesem Mann als Lehrer die Dimensionen fehlen, wird auch an seinem (von der Ems-Zeitung zitierten) Anspruch deutlich, nach dem Prinzip der Aufklärung zu arbeiten: Nur durch Irrtümer gelange man zur Wahrheit. Das haut um, denn dann müsste mich meine Schule damals sehr schlau gemacht haben. Für eine Partei taugt so einer nicht. Da ist jetzt und eigentlich immer Wahlkampf, Irrtümer sind nicht zugelassen. Aber vielleicht wird ja mal ein Posten für einen TV-Katholiken frei? Kann das? Das kann.              

 

Und so lesen wir auch den einzigen versönlichen Satz seines wirren Gedankengebäudes mit Wohlwollen: Nehmt mich bitte nicht so ernst (Original: "Man solle doch bitte nicht so ein Riesen-Bohei machen"). Das klingt nun wahrlich nicht nach Sarrazin. Aber die Ems-Zeitung - oder auch die NOZ - denen hatte man eine schöne Vorlage geliefert, mit dem Finger mal wieder in die andere Richtung zu zeigen. Kann das? Das kann.

 

Aber einen kleinen Nachsatz noch. Den Beitrag in der NOZ / Ems-Zeitung hat Eckehard Stengel geschrieben, der diesen auch in der Frankfurter Rundschau (Online v. 24. 02. 2013) untergebracht hat. Da ist er etwas länger . . . Ach so, so funktioniert die Welt der NOZ: Haben wir noch Platz, googeln wir etwas und kaufen uns die Rechte an der Zweitverwertung . . .  Hm. 

 

Tief Luft geholt, ein zweiter Kaffee und Tschüß.      

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