Moorsoldaten

Jüdischer Friedhof in Goslar vor der alten Stadtmauer
Jüdischer Friedhof in Goslar vor der alten Stadtmauer

Moin, der Tag der Machtergreifung 1933 durch die Nazis jährt sich zum 80. Male. Dies ist Anlass für uns, in Erinnerung zu rufen, was damals eigentlich war. Das fällt uns schwer, denn wir wissen das nur aus Erzählungen, Berichten, mdl. Überlie-ferungen und Büchern. Natürlich kennen wir das Lied der Moorsoldaten und wissen, dass es hier im Emsland entstanden ist. Wikipedia verrät uns mehr:

 

Texter des Liedes waren Johann Esser und Wolfgang Langhoff, die Musik stammt von dem Rudi Goguel. Das Lied wurde am 27. August 1933 bei einer Veranstaltung namens Zirkus Konzentrazani von 16 Häftlingen, überwiegend ehemaligen Mitgliedern des Solinger Arbeitergesangvereins, aufgeführt.

Rudi Goguel erinnerte sich später:„Die sechzehn Sänger, vorwiegend Mitglieder des Solinger Arbeitergesangsverein, marschierten in ihren grünen Polizeiuniformen (unsere damalige Häftlingskleidung) mit geschulterten Spaten in die Arena, ich selbst an der Spitze in blauem Trainingsanzug mit einem abgebrochenen Spatenstiel als Taktstock. Wir sangen, und bereits bei der zweiten Strophe begannen die fast 1000 Gefangenen den Refrain mitzusummen. [...] Von Strophe zu Strophe steigerte sich der Refrain, und bei der letzten Strophe sangen auch die SS-Leute, die mit ihren Kommandanten erschienen waren, einträchtig mit uns mit, offenbar, weil sie sich selbst als ‚Moorsoldaten‘ angesprochen fühlten. [...] Bei den Worten ‚… Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit den Spaten ins Moor‘ stießen die sechzehn Sänger die Spaten in den Sand und marschierten aus der Arena, die Spaten zurücklassend, die nun, in der Moorerde steckend, als Grabkreuze wirkten.“ Zwei Tage nach der ersten Aufführung wurde das Lied von der Lagerleitung verboten. Kann das? Das kann.

 

Obenende liegt dort, wo es unzählige Lagerstandorte des Konzentrationslagers Esterwegen gab. Die Geschichte ist nicht vergessen, aber sie ist Geschichte und das Lied von den Moorsoldaten scheint zunehmend in Vergessenheit zu geraten. Wir spüren es, wenn wir mit jüngeren Menschen sprechen. Das Lied hat den Nationalsozialismus nicht verhindert, war kein Kampflied des Widerstandes. Es einte im Leid und verbreitete Hoffnung im Stillen, die für das Überleben wichtig gewesen sein mag. Es wirkt aber über seine Zeit hinaus, ist zeitlos geworden. Und wenn ich heute am Rande der weiten Abbauflächen im Moor stehe, dann höre ich sie singen, dann erkenne ich, wofür es sich lohnt, immer wieder zu warnen. In diesem Lied erkenne ich das Freiheitslied der Deutschen, die auch dann mutig für die Freiheit eintreten, wenn sie die Unterdrückung an sich spüren. Deshalb ist es wichtig, immer wieder daran zu erinnern. Muss das? Das muss?

 

Bei Km 1 des Kanals wird jährlich in der Bittermark an die Karfreitagsgreuel 1945 erinnert, die Steinwache, das Gefängnis der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), gleich hinter dem Hauptbahnhof, zum musealen Ort des Nachfühlens geworden, wird viel besucht. Die Teilnahme an den Gedenkfeiern am Bittermarkdenkmal haben mich immer tief angesprochen. Aber Zeitzeugen gibt es kaum noch, die berichten. So ist es wichtig, dass unweit vom Obenende, bei Km 256, das Lager Esterwegen eine würdige Gedenkstätte gefunden hat. Dort und auch an der Historisch-Ökologischen Bildungsstätte hier am Obenende werden Informationen gesammelt, um sie dann gesichert weitergeben zu können. Muss das? Das muss.

 

So kommt es auch nicht von ungefähr, dass heute in der Ems-Zeitung an Bernhard Rakers aus Sögel erinnert wird, der als Koch im Konzentrationslager Esterwegen begonnen hatte und 12 Jahre später als Hauptscharführer zum Führer eines Arbeitskommandos in Auschwitz aufgestiegen war. Auf diesem Weg wurde er zum Sadisten und Mörder, bekam den Beinamen "Schwarzer Teufel". Wichtig zu wissen, dass er aus dieser Region stammt und auch, dass er aus ärmlichen Verhältnissen stammend möglicherweise nur einen Broterwerb suchte. Nach seiner Entnazifizierung - zweieinhalb Jahre Haft, die er allerdings nicht antreten musste - liess er sich als Bäcker in Lingen nieder, unweit seiner Heimatstadt. Im festen Glauben, dass nun alles überstanden sei? Nun, er wurde bald erkannt und 1952 zu lebenslanger Haft verurteilt, 1971 allerdings begnadigt, mittlerweile 66 Jahre alt geworden. 9 Jahre konnte er noch in Freiheit leben, bis er 1980 starb. Ein Schicksal von Tausenden, die nicht begriffen hatten, dass Leben und Leben lassen auch mit Würde zu tun hat. Muss das? Das muss.

 

Und so denke ich an die Veteranenverbände aus Frankreich, die alljährlich zur Bittermark eingeladen wurden und dort selbstbewußt ihre Fahnen präsentierten, wo ihres Leides gedacht wurde. Ich denke auch wieder an die Moorsoldaten, die selbstbewußt und voller Würde aufrecht durch ihr Schicksal gingen. Es stimmt mich hoffnungsvoll, dass dies die Ereignisse sind, welche positiv Geschichte geschrieben haben! Hoffnungsvoll, aber nicht gut zufrieden. Denn es stößt mich ab, dass dieser Rakers aus Sögel kommt und dass auf die Ergreifung des Mörders der toten Katze Ludwig eine Belohnung von 500 € ausgesetzt worden ist. Steht gleich in der Spalte neben dem Bericht über den Schwarzen Teufel aus Sögel. Es erscheint alles so einerlei und das Geschehene nur eine Nachricht zu sein, sonst nichts. Darf das? Das darf nicht.

 

Es wird Zeit für eine zweite Tasse Kaffee. Tschüß 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    DiemitdenKröherssang (Mittwoch, 27 Februar 2013 19:02)

    "Wohin auch das Auge blicket,
    Moor und Heide nur ringsum.
    Vogelsang uns nie erquicket,
    Eichen stehen kahl und krumm.
    Wir sind die Moorsoldaten
    und ziehen mit dem Spaten
    ins Moor ..."

    So ganz in Vergessenheit geraten ist das Lied erfreulicherweise nicht; sogar Die Toten Hosen haben eine Version davon in ihrem Repertoire. Und das ist gut so!