Vom Splitting weg- oder her-kommend

Untenende - Hauptkanal beim Stadtfest
Untenende - Hauptkanal beim Stadtfest

Moin, hier am Obenende gibt es viele Kanäle, sie dienten den ersten Siedlern zur Entwässerung ihres Bodens, aus dem zu allererst Torf abzubauen war. Eine harte Arbeit, und die Namen dieser Kanäle lassen auch viel vom damaligen Zeitgeist erkennen, so wie etwa manche Zeche im Ruhrgebiet Namen trug wie Fürst Hardenberg, Minister Stein, Gneisenau, aber auch Rothe Erde.  Hier am Obenende heißen die Kanäle z. B. Bethlehem, Lüchtenburger Kanal oder Umländer Wiek, wobei die Bezeichnung "Wiek" selbst bei Wikipedia nicht erklärt wird. Und da an jedem Kanal auch heute noch auf jeder Seite eine Straße entlang führt, heißen die praktischerweise eben Umländer Wiek re. oder li. Kann man sich gut merken und ist eines der Dinge, an denen nicht gerüttelt wird - wenngleich es zwar ziemlich einfallslos klingt, die Straßennamen jedoch exotischer klingen lässt, als es die Straßen verdient hätten: Es sind bis zu 12 km lange Straßenrandbebauungen mit ursprünglich einfachen Siedlungshäusern. Diese haben jedoch bis heute eine unübersehbare Vielfalt erreicht - wie in Deusen etwa, unmittelbar am Km 1 des Dortmund-Ems-Kanals. Ist das? Das ist.

 

Wenn man zu uns am Obenende möchte, dann kommt man vom Splitting her, Splitting re., weil das die Durchgangsstraße von Surwold aus ist, dem Dorf am Küstenkanal. Das war immer so. Und wenn man dann in den Bolwinsweg abbiegt, dann wird der auch dann noch so heißen, wenn längst vergessen wurde, dass dort einmal an der Ecke das sehr gute Textilfachgeschäft Bolwin stand. Niemand wird ernsthaft die Idee verfolgen, den Weg in Adlerstraße umzutaufen . . . Wir mögen es, an dem festzuhalten, was ist, da wir das meinen allein zu kennen. Die Bedeutung eines Namens ist uns doch egal. Und wer weiss denn noch hier am Obenende, wie die Kanäle entstanden sind? Wer damals ein Grundstück wollte für sein Haus, musste in der Breite seines zukünftigen Eigentums den Kanal ausheben, die Grundstückstiefe anschließend, die war frei wählbar, weil dort eh nur Moor lag, heute sind es Weiden. Kann das? Das kann.

 

Und so war es auch mit dem Splitting, dem Kanal. Und so ist es auch mit dem Splitting im Steuerrecht. Und damit verlassen wir das Obenende, diesen idyllischen Ort gepflegter Überlieferungen, denn das Splitting im Steuerecht hat sich in der vorliegenden Form überlebt. Und es wurde noch einmal richtig tumultartig lebendig. Es wurde und wird zuletzt darum gestritten, ob man das Steuerrecht auch auf gleichgeschlechtliche Paare ausdehnen solle oder nicht. Und irgendwie erinnert mich das an Splitting re und li, denn die Parteien gehen deutlich getrennte Wege, in der Mitte das Verfassungsgericht (noch) auf Tauchstation. Will man formal gerecht sein, ist es auszudehnen, es besteht also ein Anspruch, für uns unbestritten. Will man aber der Entwicklung gerecht werden, ist der Bolwinsweg in Adlerstraße umzutaufen, oder besser das Splitting abzuschaffen, weil sich der Sinn überlebt hat. Familie im klassischen, überkommenen Sinn ist nicht mehr alleineiger Hort der glücklichen Kinder, sondern alle möglichen Konstellationen kommen da heute vor. Und hier wird es kompliziert. Kann das? Das kann.    

 

Unser Kanal hier am Obenende heißt deshalb "Splitting", habe ich eben von unserem Heimatverein erfahren, weil er gesplittet gebaut wurde. Und das Splitting im Steuerrecht soll auch dem Rechnung tragen, dass in den klassischen Familien die Aufgaben gesplittet sind: Der eine besorgt das Familieneinkommen, die andere kümmert sich um die Erziehung - seltener anders herum, aber zunehmend häufiger und in immer mehr Mischformen vorkommend. Und es sind auch zunehmend immer weniger staatlich sanktionierte Partnerschaften, wo die Kinder aufwachsen - aber nur die werden steuerlich gefördert. Und es werden immer mehr, die nicht Kindererziehung betreiben. Und deshalb wollen die Leute vom "Splitting links" das Splitting gänzlich abschaffen, während die vom "Splitting rechts" es durch ein Familiensplitting ersetzen wollen. Die Linken wie die Rechten haben aber ein Ziel, nämlich die Kindererziehung zu unterstützen, jeder auf seine Art, für seine Klientel. Das ist Wahlkampf. Und weil sich bis zum Herbst eh nichts ändern lässt, ist das ein tolles Thema für den Wahlkampf! Mal sehen, ob das Verfassungsgericht bis dahin aufgetaucht ist - und was dann passieren wird. Kann das? Das kann.

 

"Wiek" nennt man die Kanäle, die hier vom Splitting in die Landschaft abbiegen, "Weichen". Vielleicht sollte man dem Beispiel folgen und dem gesamten Splitting tatsächlich entweichen, in die Landschaft hinein, wo zunehmend mehr Menschen wohnen, ihnen folgen. Und den Bolwinsweg nennen wir dann auch gerne Boulevard Adler, um mit der Zeit zu gehen. Denn einige Kompromisse wird es geben auf dem Weg in eine tragfähige Zukunft, eine Zukunft für unsere Kinder und nicht von Kindern entleerte Familienformen. Muss das? Das muss.

 

So, der Tag ist schon alt geworden und ich trinke meinen Kaffee aus. Tschüss.

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