Fastenzeit

Moin, jedes Jahr, immer von Aschermittwoch bis Ostern, erinnert uns die Fastenzeit daran, dass es auch mit weniger gehen kann und muss. Da braucht man kein gläubiger Christ zu sein, das kennt dem Grunde nach jede Weltreligion. Und auch schon die Heiden gingen dem Fasten nach - wenn man die Römer als solche bezeichnen möchte. Ihr Kaiser Augustus bewies jährlich seine Willensstärke, indem er eine Zeit lang auf Nahrung verzichtete, nur Wasser zu sich nahm. Das geht. Und wenn man es selber einmal ausprobiert hat, so erinnert man sich sehr lange noch an das wunderbare Gefühl während des Fastenbrechens, die kleine Menge Speise, die der Körper nun gerade wieder verträgt, mit einem besonderen Hochgenuß zu kosten und die Vielfalt des Geschmacks einer leichten Tomatensuppe zu genießen. Ein wunderbar leichtes Gefühl von Zufriedenheit und Stärke kommt auf. Möglicherweise empfindet dies ein Radfahrer auch so, wenn er den Col de Tourmalet geschafft hat und oben angekommen ist. Kann das? Das kann.

 

Und immer wieder liest und hört man aus seinem Kreis von Freunden und Bekannten, dass sie wieder fasten wollen. Die einen verzichten auf Alkohol, die anderen auf Süßes, dritte wieder auf jegliches Fleisch usw. Manche ziehen auch das totale Fasten durch, mittlerweile zum Heilfasten aufgestiegen. Viele brechen es vorzeitig ab, aber regelmäßig alle - ich selber schließe mich da nicht aus - fallen zurück in ihren alten Trott, machen da weiter, wo sie vor der Karnevalszeit aufgehört haben. Obenende ist dem Grunde nach ein besonderer Ort zum fasten. Das ganze Emsland hat sich als ein Land der Entschleunigung dargestellt, will es etwas langsamer angehen lassen, Hektik gar nicht erst aufkommen lassen. Lässt sich Zeit - verliert aber das Ziel nicht aus den Augen. Das mag von der Landschaft herrühren oder von den Menschen, die hier allenfalls vom Hunger getrieben waren, vom Überlebenskampf. Dann aber, wenn sie den aber überstanden hatten, auch gut zufrieden und dankbar waren. Kann das? Das kann.

 

Und so lese ich heute auch die Zeitung. Mag die Norwegian Breakaway doch zwei Tage später die Ems passieren - wer es erleben möchte, muss eben zwei Tage warten. Und zwei Seiten zu Wippingen vermitteln ein besonderes Heimatgefühl, ich werde mich daran gewöhnen müssen, dass das auch zu der ohnehin schon kleinen Stadt Papenburg gehört. Und wenn ich das einmal übertrage auf die große Welt, dann möchte ich rufen: Seid doch mal einen Tag still, produziert nicht wieder irgendwelche Nachrichten, sondern denkt nach, lest ein Buch und versteht die Welt, in der ihr lebt. Und wenn ihr das abends beim Kaminfeuer euren Leuten immer noch nicht erklären könnt, hängt einen weiteren Tag dran. Vielleicht lernt ihr dann sogar, eure Gegner zu verstehen. Fastenzeit kann nämlich auch "Schweigen" bedeuten, nicht stumm sein, sondern aufmerksam schweigen. Einfach mal nichts sagen. Vielleicht bekommen wir dann die besseren Gedanken? Vielleicht erfahren wir dann an uns selber, dass so vieles von dem, was wir schreiben und sagen natürlich den Tag nicht überleben wird. Manches aber auch allein deshalb nicht gesagt wird, weil wir uns nicht die Zeit genommen haben, vorher darüber nachzudenken. So fürchten wir mit halbfertigen Ideen zu scheitern - und sind es selber Schuld, weil wir uns nicht die Zeit zum Nachdenken genommen haben.  Kann das? Das kann.

 

Und wir meinen auch zu wissen, dass die anderen nicht zuhören werden, weil sie nicht beginnen können, ihre Ideenproduktion dem Fastengesetz zu unterwerfen: Nachdenken ist wichtiger als reden. Es wäre doch schön, wenn wir nach einem solchen Fasten völlig entschlackt von althergebrachtem Gedankengut erkennen: Ja, wir leben in einer Zeit des Wandels - und weil wir darin leben spüren wir ihn im täglichen Umgang miteinander gar nicht. So wie wir es auch nicht spüren, dass wir älter werden, denn der Abstand zu unseren Freunden bleibt gleich. Wenn wir das aber einmal überwinden, dann erschließt sich uns das Panorama der Zukunft, hier am Obenende, dort in Dortmund, im Emsland und im Ruhrgebiet, überall. Wir werden uns der Zukunft nicht entziehen und diese als Einzelne auch kaum gestalten können. Wir können aber wissen, dass sie genauso der Wende unterliegen wird, wie wir uns jetzt in einer Wendezeit wähnen. Und diese Wendezeit dient nicht dazu, die Dinge so zu ordnen, dass alles anschließend weitergehen kann wie bislang. Zumindest das ist doch ein gutes Ergebnis, wenn wir mal erfolgreich fasten gehen. Muss das? Das muss.

 

God bless your dealings - Gott schütze deine Geschäfte - war neulich eine SPAM-Nachricht unterschrieben. Na, das ist doch fast wie eine zweite Tasse Kaffee! Tschüss.    

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    DieReisende (Dienstag, 12 März 2013)


    Gute Idee: ich produziere jetzt mal keine Nachricht, sondern denke nach ...