Über das Lokale

Moin, man mag denken, jetzt haben wir den richtigen Gebrauch eines Artikels im Eis, Schnee oder dem Moormatsch verloren, eventuell auch in einer der vielen Kneipen am Untenende vergessen. Oder etwa im Newscafé? Mitnichten, aber wir kommen dem Kern schon nahe: In einer Zeitung werden Nachrichten einer Sparte zugeordnet, Identität und Ordnung stiftend. Und wenn eine solche Sparte umfangreicher ist, wird daraus sogar ein Buch - so nennen Journalisten den Teil einer Zeitung, den  man herausnehmen kann und seiner Gegenüber beim Frühstück reicht: "Hier hast du schon mal den Sport." Man selber liest dann den Lokalteil, ein tägliches Buch mit viel Werbung und den Todesanzeigen. Das ist das Lokale, während das Newscafé direkt neben dem Verlagsgebäude zum gemütlichen Plausch einlädt. Und gestern war die erste Beiratssitzung der Ems-Zeitung in diesem Jahr. Wir vom Obenende sind da jetzt in anderer Besetzung im zweiten Jahr vertreten. Muss das? Das muss.

 

Denn wir sind interessiert an jedem geschriebenen Wort, aus denen werden Gedanken und es folgen Taten. All das prägt uns, unseren Charakter, unser Selbst. Und die Zeitung beeinflusst unsere regionale Identität. Da lernt man - auch selbstkritisch - dass die Summe aus dem Oben- und Untenende, sowie knapp 40 Jahren Aschendorf, zwar Papenburg ausmacht, aber den Ort nicht in Ansätzen richtig beschreibt, denn dazu gehört mehr: Dörpen, Sögel, Börger, Brual, Wippingen, Lorup, Rhede und Werlte - um nur einige Orte wie zufällig ausgewählt aufzuführen. Manches Mal sind das auch Völlen oder Ihrhove, seltener Rhauderfehn, das sind alles Gemeinden in Ostfriesland. Regionale Identität und Verbreitungsgebiet einer Zeitung stehen in einer wechelseitigen Beziehung zu einander. Geht das Eine nur mit dem Anderen? Etwa eine "selbsterfüllende Prophezeiung" (engl. self-fulfilling prophecy)? Kann das? Das kann wohl.

 

In Dortmund war das ähnlich - nur anders. Da las man im Vorortteil sowieso nur das von seinem Stadtbezirk und die Nachrichten aus dem benachbarten Ortsteil dann auch nur flüchtig. Was interessierte mich aus Schüren an Berghofen? Und weil ich aus dem Stadtbezirk Aplerbeck kam: Was passiert schon mich Bewegendes im Stadtbezirk Brackel? Außer dem Flugplatz? So muss man das hier auch sehen - während ich den Kreissitz in Meppen mit dem Rathaus am Friedensplatz vergleiche. Essen und Düsseldorf liegen dann irgendwo in Ostfriesland. Das ist regionale Identität. Dafür wird der Lokalteil gemacht. Ist das? Das ist.    

 

Und weil Zeitung als Transportmittel nur von Nachrichten für den Leser langweilig und eintönig ist, streut man natürlich auch gerne Meinungen der profilierten Macher ein, das wollen die Leute lesen, da wollen sie sich wiederfinden, nicht allein am Ortseingangsschild, weil es wieder einmal auf der Hauptstraße gekracht hat. Manche, so haben wir es gestern auch diskutiert, lesen sogar nach Durchsicht der Überschriften nur die Kommentare. Stimmen die mit den eigenen Anschauungen überein, ist man gut zufrieden. Andernfalls muss man wohl oder übel auch noch die Nachrichten dazu lesen. Soll das? Das soll.

 

Deshalb ist eine Mitarbeit in einem Beirat auch so wichtig. Denke ich an Dortmund zurück, so verstehe ich den Protest gegen die Auflösung der Lokalredaktion der Westfälischen Rundschau als den verzweifelten Versuch, seine örtliche Identität zu behalten. Vergebens, wie man sieht. Entweder werden die Ruhrnachrichten das Bemühen daran aufgeben und jeder wird dann nach seiner façon glücklich. Oder aber es gibt nur noch eine, was manchem schwerfallen wird zu leben. Dass die eine (ehemals konkurrierende) Lokalredaktion nun den anderen Lokalteil mit versorgt, wird zur eigenen Lebenslüge. Aber, was wird bleiben, wenn wir uns ohnehin zunehmend mehr im Internet bewegen und austauschen? Brauchen wir vielleicht deshalb umso dringender "Das Lokale", um Spass an unserem Umfeld zu haben - der Nachrichteninhalt wird immer unwichtiger. Ah ja, mal wieder Form und Inhalt! Oder aber auch: Mache ich den Event selber - oder berichte ich nur darüber? Und hinter jeder Nachricht steht ein Event. Muss das? Das muss nicht.

 

So, heute ist es ganz früh geworden. Wir begrüßen die Redakteure der Ems-Zeitung und der Ruhr-Nachrichten dort bei Ihrer Arbeitsaufnahme, wünschen ihnen einen erfolgreichen Tag an der Nachrichtenfront und prosten mit einer Tasse Kaffee zu: Immer schön unartig bleiben, damit wir in Leserbriefen was zu meckern haben - Tschüss.  

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Kommentare: 2
  • #1

    zypresse (Donnerstag, 21 März 2013 08:45)

    Ja, der Lokalteil, der ist wirklich wichtig. Etwas, das ich erst so richtig merke, seitdem in meinem Dorf an der Düssel eigentlich nur noch eine Zeitung überhaupt einen (leider auch nicht ganz)ernst zu nehmenden Lokalteil hat. Bedauerlicherweise kommt der dortige Chafredakteur von einer großen deutschen Zeitung mit vier Buchstaben und häufig genug finden sich Meldungen über lokale oder auch überregionale Promis als Aufmacher im Lokalteil (Kostprobe? "xy zeigt ihr Haar bei der Messe Beauty", "xy hat nach Scheidung eine neue Wohnungin F", Fußballprofi xy (Schalke 04) sucht dringend Wohnung in O") Über lokale Politik, örtliche Themen und Probleme wird leider nur berichtet, soweit es der Rathauspressestelle zusagt.

    Ein wenig entschädigen mich Blogs und freie Seiten im WWW - eine "richtige" Tageszeitung mit gutem Lokalteil ersetzen die leider nicht. Ich fürchte nur, das wird sich nicht bessern, denn dem heutigen Status eines Lokaljournalisten entnehme ich eine weitere Hiobsbotschaft: "WAZ/ Funke Mediengruppe entlässt 200 Mitarbeiter".

  • #2

    loire2012 (Donnerstag, 21 März 2013 09:33)

    Ja, Ulrike, hat schon etwas Deprimierendes - der Verfall der Printmedien. Hier am Obenende und um zu mag es noch hingehen, wenn auch nicht in den gewohnten "Landesfarben". Aber das kann man ja einschätzen. Natürlich kommt es dann auch vor, dass eine kommunale Pressestelle gar nicht mehr erforderlich ist. Sie würde ja ohnehin nur eine "Agenturmeldung" bringen. Schwierig wird's für mich zu verstehen, dass wochenlange Umfragen (welches ist die beliebteste Nordseeinsel?) der Bringer sind. Sie sind es aber, wenn man die Beteiligungsquote sieht - und es entsteht eine völlig neue Zeitung. Muss ich die haben - wegen der Todesanzeigen und Schützenfeste in Sögel? Den Rest bekomme ich anderswo oder im Internet. Mglw. "JA". Und dass die WAZ-Gruppe eine weitere Redaktion schließt ist eine Katastrophe. Übrigens, das Monatsabo kostet hier etwa 7 Euro mehr als das in Dortmund bei der WR seinerzeit. Ist mehr im Ruhrgebiet pp. nicht marktfähig?