Was sagen uns Zahlen?

Moin, da habe ich nun mein ganzes Berufsleben Zahlen gewendet, Informationen abgeleitet, Nachwuchs geschult und nicht zuletzt auch der Presse immer wieder Zusammenhänge erklärt, die hinter den Tabellen stehen. Erst dann, wenn man diese Strukturen sichtbar gemacht hat, sprechen die bunten Karten eine deutliche Sprache. Sie lenken unseren Blick auf das Durchschnittliche und führen ihn weiter auf das Besondere, die Abweichung. Zu gern wollen wir dann bei den "Besten" sein, finden uns aber manches Mal auch am Ende wieder. Es ist eine Frage der Interpretation der Zahlen, der Entwicklungsverläufe. Ist es etwa schlimm, wenn die Einwohnerzahlen rückläufig sind? Ist es ein besonders gutes Zeichen, wenn sie hier um 2 % zulegen, dort aber um 0,2 % rückläufig sind? Man kann es nicht sagen, wenn man die absoluten Zahlen nicht kennt. Legt Papenburg etwa 2 % an Einwohnern drauf, so sind das 700 zusätzliche Einwohner. In Hannover (Landeshauptstadt) würde ein absolut gleich hoher Rückgang ein Minus von knapp 0,2 % bedeuten. Und dann bleibt da noch die Frage übrig: Wurde die Landeshauptstadt oder der Großraum zugrunde gelegt. Also, ohne erklärende Worte oder zumindest eine nachvollziehbare Quellenangabe geht schon einmal gar nichts. Und das hat mich hier am Obenende leicht angesäuert. Muss das? Das muss.   

 

Wo Niedersachsen boomt - und wo nicht, so heißt es in der Überschrift, aber was heißt "boomen"? Dazu schreibt die Ems-Zeitung auch schon mal gar nichts. Dann aber, der Frust sitzt bereits tief, finde ich eine Spur: Den Namen der Autorin. Und eine Idee: Da wurde womöglich geclustert, also unabhängige Indikatoren wurden solange gesucht und zusammengefasst, bis man homogene Cluster (Gruppen oder Klassen) gefunden hat. Ist ein klassischer Ansatz, sich einem Thema ohne zu großem theoretischem Hintergrund zu nähern - aber (auch deshalb) schwer erklärbar. So war es nicht allzu schwer, im niedersächsichen Landesbetrieb für Statistik und Kommunikationstechnologie fündig zu werden. Und hier gibt's die Untersuchung. Bloß, sind damit alle Fragen geklärt? Für mich nicht, denn wo was boomt, das erfährt der geneigte Leser nicht, nur ein buntes Bild, welches suggeriert: Hier bei uns ist gut. Kommt bloß nicht nach Ostfriesland. Und weil das alles nicht stimmt - wenn es der geneigte Leser kritisch aus seiner Sicht beäugt - ist es mal wieder die Statistik, welche offensichtlich mit ihren eigenen Datenbergen nicht zurecht kommt. Kann das? Das kann wohl.   

 

Oder aber, wir haben das immer schon gewusst (was eigentlich?) und nageln uns das Bild an die eigene Wand der vielen Halbwahrheiten, mit denen wir durch das Leben stapfen. In jedem Fall, mit der Methode, wie die Statistiker überhaupt zu ihrer in ein Bild gesetzten Aussage gekommen sind und was ihre Botschaft war, werden wir uns nicht beschäftigen. Bis wir dann, wenn uns jemand mit ähnlichen Halbwahrheiten wie heute in der Ems-Zeitung vom Gegenteil überzeugt hat, uns der ewigen Weißheit anschließen: Statistiker fälschen sowieso wie sie es wollen. Und damit sind wir am Kern meiner Bauchschmerzen angekommen. Liest man nämlich aufmerksam den Beitrag der Statistiker, dann beißt der Hund den Mann. Die Zeitung sucht aber immer jemanden, der umgekehrt den Hund beißt. Und findet ihn auch, weil in einer solchen Karte natürlich nur verkürzte, stark komprimierte Informationen einfließen. Man fragt sich, was Leer, Norden, Stade oder Brake zu einem verstädterten Gebiet werden lässt, das dem von Oldenburg oder Osnabrück gleichzusetzen ist. Man fragt sich weiter, warum dann der Kreis Leer als peripher bezeichnet wird, änhlich dem Kreis Aurich, wobei Aurich selber nicht als verstädtert gilt, sondern als prosperierend, genau wie Papenburg - wo Obenende bekanntlich ja ein wichtiger Ortsteil ist, Ursprung der Besiedlung sozusagen. Und damit schließt sich der Kreis einer unmittelbaren Betrachtung. Muss das? Das muss.   

 

Das wäre nämlich eine sehr lange Ausführung und uns würden dabei nicht nur die Füße, sondern auch die Frühstückseier kalt werden. So fassen wir nur die Überschriften der Ems-Zeitung zusammen:

  • Wo Niedersachsen boomt - und wo nicht
    Von Entwicklungen ist nirgends die Rede und nur die lassen Schlüsse auf einen Boom zu
  • Statistiker vergleichen Kommunen im Land
    Die Statistiker haben sieben Cluster ähnlicher Gemeinden gebildet, anhand von dem Leser nicht näher bezeichneten Indikatoren. Was wird denn da verglichen? 
  • Die Region Weser-Ems schneidet gut ab
    Dass sie anders zu sein scheint, ist offensichtlich. Aber besser zu sein als andere, bedürfte einer nachvollziehbaren Begründung 

Und so ist es wohl wieder nur der Versuch, die regionale Verbundenheit zu fördern, die, so fällt mir ganz spontan ein, mglw. gelitten hatte, als ganz mutig von den Eimermen-schen in Sögel die Rede war. Kann das? Das kann.

 

Mein Kaffee ist kalt geworden. Tschüss 

Kommentare: 5 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    Ludger Brink (Mittwoch, 27 März 2013 08:35)

    Wieder einmal sehr treffend beschrieben.
    Nun wohne ich schon mein ganzes Leben auf dem Obenende und habe dementsprechend auch mein ganzes Leben mit Ihnen zu tun gehabt.

    Nur die "Redewendungen" jeweils am Ende Ihrer Absätze "Kann das?Das kann." und "Muss das?Das muss." habe ich bisher nur in Ihrem Blog gelesen. Dies hat so noch kein Obenender und auch kein Untenender so zu mir gesagt.

    Ist dies vielleicht eine Redewendung aus Ihrer Heimat?

    Gruß

  • #2

    loire2012 (Mittwoch, 27 März 2013 09:44)

    Moin, Ludger Brink,
    schön, wenn sich einer von hier gelegentlich mal äußert, das freut einen doch sehr. Und wenn's gefällt, noch viel mehr, erst recht, wenn es zu"trifft". Die angesprochenen Redewendungen stammen weder aus dem Westfälischen, noch aus dem Ruhrgebiet. Wie mir H. G. sagte, sind das ganz typische Wendungen vom Oben- und Untenende, also dem Emsland. Sie schrieb dazu auch eine Kolumne:
    http://www.pizzasocken.com/erz%C3%A4hltes/kolumnen/das-emsland-und-die-eleganz-der-sprache/
    Ich selber habe das im ersten Blogs aufgenommen
    http://www.obenende.com/2012/11/23/fr%C3%BChst%C3%BCck-in-obenende/
    Vielleicht habe ich manche Kombination übertrieben, auch die Häufigkeit - aber die Tatsache als solche wurde mir nicht nur von H. G. (kennen Sie ja!) bestätigt, von anderen auch.
    Das Killerargument wäre jetzt: Vielleicht merkt man das selber schon gar nicht mehr . . . Ich will Sie aber damit nicht schrecken und freue mich, wenn Sie dem Frühstrück weiterhin gewogen bleiben. Es gibt sogar einen kleinen Facebook-Auftritt . . .
    Gruß

  • #3

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  • #4

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  • #5

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