Ich gehe dann mal zum Melken

Der Splitting - Obenende
Der Splitting - Obenende

Moin, ach nein, unsere Milch für den Kaffee gehen wir nicht melken, die gibt's im Laden. Aber so eine Kuh, die sieht das ja andersherum, die möchte irgendwann doch gemolken werden. Eigentlich will sie ja nur ihre Milch loswerden, denn die drückt ganz schön im Euter. Und da sie es verlernt hat, dass das was für ein Kalb ist, das fröhlich angesprungen kommt, wenn sie ruft, oder vielleicht schon drängelnd mit der Schnauze stubst, gibt es für sie eben nur den Melker. Man mag ihn noch aus den Büchern kennen, den Eimer zwischen die Beine geklemmt und auf einem einbeinigen Hocker sitzend, den er sich am Hintern festgeschnallt hat. So geht es dann im Stall von Kuh zu Kuh, während die immer unruhiger werden, die Milch spannt die Euter, wenn sie von der Weide kommen. Weiss der das nicht? Kann das? Das kann doch wohl nicht . . .

 

Doch, das kann schon, denn aus der Sicht des Bauern lohnt sich nur ein Melker und der soll sich eben beeilen immer mehr Kühe zu schaffen, denn sonst wird der Stall unrentabel. Irgendwann kam dann der Melker aus der Fortbildung und fand einen ganz anderen Kuhstall zum Melken vor. Aus war es mit dem Eimer und auch mit dem persönlichen Melken. Die Kühe wurden von ihm nun an eine Melkanlage angeschlossen und ab ging es. Er wurde zum Techniker zwischen Melkanlage und Euter. Für die Kuh änderte sich soviel nicht, auch jetzt trottete sie mit vollem Euter und ihren immer mehr werdenden Freundinnen zum Melken in den Stall und war anschließend richtig erleichtert. Kann das? Das kann.

 

Aber jetzt haben wir von einer Nachbarin etwas ganz Neues gehört, etwas von dem wir bislang nur schemenhaft erfahren hatten. Der Melker ist immer noch mit im Spiel, aber die Kuh, die zeigt ihm den Stinkefinger, wenn er zum Melken einladen will. Die kommt jetzt wann sie es will und braucht - und der schlaue Melker lässt sie natürlich. Da sind jetzt nämlich zwei Selbermelkanlagen im Stall eingebaut - und die Kuh weiss das, trampelt da einfach rein und wird mit einem Hallo begrüßt, denn der Sensor, den sie immer bei sich trägt, hat sie bereits angekündigt und die Maschine weiss sofort Bescheid. Als erstes werden mit einem Wasserstrahl Bauch und Euter gereinigt, dann die Saugnäpfe am Euter automatisch angebracht. Natürlich wird die Milchmenge anschließend auch allein ihr zugeordnet. Und falls sie gerade ein Kalb geboren hatte, wird die abgepumte Milch sofort zur Kälbermilch geleitet - kommt in die Mast der Kleinen. Und das Schönste ist: Bei all dem gibt es lecker was zu essen! Wie Fernsehen im Bett! Oder Essen beim Fernsehen. Oder Popcorn im Kino. Muss das? Das muss wohl.    

 

Die neue Landesregierung will jetzt auch, dass große Ställe eine Filteranlage erhalten, aber das hilft wohl nur den Menschen und lässt die Ställe immer näher an die Siedlungen heranwachsen - man riecht sie dann ja nicht mehr. Die besondere Priviligierung für landwirtschaftliche Betriebe im Außenbereich will man im Baurecht für solche Anlagen auch abschaffen. Das sind dann nur noch so große Hallen, wo wir kaum jemanden arbeiten sehen, wie eine Lagerhalle, wo ab und zu was rein- und dann wieder was rauskommt. Mehr wissen und sehen wir nicht. Ich habe mal vor 20 Jahren in einem industriellen Altbau am Anfang des Dortmund-Ems-Kanals einen Nähsaal erlebt, wo 50 bis 100 ausländische Frauen in der ersten Etage eifrig an ihren Nähmaschinen ihrer Pflicht nachkamen. So wird es in den Ställen dann wohl auch aussehen. Von außen hat niemand eine Ahnung was wirklich ist. Kann das? Das kann.

 

Aus aller Welt wird dann auch noch berichtet, dass wohl in 20 bis 30 Jahren Roboter die Äcker abernten werden. Das stellen wir uns so ähnlich vor, wie jene Roboter, die bereits unsere Wohnungen saugen, während wir arbeiten. Eine Vision, solches auf den Äckern zu erleben, aber doch absehbar. Habe das real bereits bei der Fa. Nordland erlebt, wo nur ganz wenige Menschen jene Maschinen steuern und damit eine Jahresproduktion von 1,3 Mio t. Papier verantworten. Da muss alles stimmen und wird vorm Monitor kontrolliert. Nur wenn etwas schief läuft, dann wird es hektisch. Wir stellen uns die Bäuerin vor, die vom Schreibtisch aus die Aberntung des Maisfeldes und den Melkbetrieb im Auge behält, während sie halbstündlich die Messprotokolle der Abluft kontrolliert. Der Bauer betreut währendessen - ganz genderlike - die Feriengäste. Muss das? Das muss.

 

Obenende und das ganze Emsland überhaupt stehen für eine Entschleunigung, das ist doch mal ein Alleinstellungsmerkmal, welches man als Urlaubsregion nicht verspielen sollte! Denn wenn wir am Untenende viele Segelschiffe älterer Bauart im Hauptkanal stehen haben, dann sagt das ja nichts aus über die wirkliche Seefahrt, die Karnickel beim Urlaub auf dem Bauernhof auch nichts über die Landwirtschaft. Und die leckeren Buchweizen-pfannkuchen im Papenbörger Hus (Obenende) erinnern auch nur müde an die Jahrhunderte alte Armut dieser Region. Und in Dortmund wird High-Tech-Forschung in (modernisierten) Bauten der alten Industrie untergebracht - Industriekultur als besonderer Ziehguck.  Ist das? Das ist.

 

Drum schnell noch ein Kaffee und Tschüss.                

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Kommentare: 1
  • #1

    DieNaturburschin (Donnerstag, 28 März 2013 06:51)

    Schöne neue Welt! Ein wohl unaufhaltsamer Prozess, dass der Mensch sich selbst der Natur immer mehr entfremdet ...