Etwas tun, was der Staat nicht will

Moin, "Nein," sagte er vor Gericht, "mit mir hat auch niemand Mitleid gehabt." 50 Jahre war er alt, psychisch und finanziell nach seiner Scheidung unter Stress stehend. 3.600 Euro ist seine Strafe für viele 1.000 Bilder von mißbrauchten Kindern, die er im Netz heruntergeladen hat. Frei zugänglich waren diese Bilder, auf Tauschbörsen habe er nicht gesucht. Auch rechtsradikale Seiten habe er aufgesucht, aber pädophile Neigungen hätte er nicht verspürt. Es ging ihm um den politischen Protest. Sein Hass auf den Staat sei der Antrieb gewesen, und er habe das alles genossen: "Es war gut, etwas zu tun, was der Staat nicht wollte." Und offensichtlich war er immer noch gut zufrieden.

 

Dass er damit kein Verständnis für sein Handeln bekom-men konnte, ist wohl jedem klar, und die Richterin bedauerte es immer noch, dass sie sich die Bilder hatte ansehen müssen. Und auch dass alles im Internet frei zugänglich sei, würde es nicht besser machen, stellte sie abschließend fest. Ist das? Das ist. 

 

Uns verschlug es den Atem, als wir diese Gerichtsreportage in unserer Ems-Zeitung heute morgen lasen. Nicht, dass wir hier am Obenende vergessen hätten, wie die Welt ist, sicherlich nicht. Aber dass ein Mensch sein schädliches handeln sogar noch politisch begründet und mit einem Protest gegen den Staat verbrämt, das fanden wir ungeheuerlich. Der Richterin war Recht zu geben: Erst wenn es Menschen gibt, die nach solchen Bildern suchen, dann werden Kinder eingefangen, solche Bilder immer wieder neu herzustellen. Dafür gibt es keine Entschuldigung und man will auch gar nicht mehr wissen, warum dieser Vater von mehreren Kindern geschieden ist, man kann sich das schon irgendwie vorstellen. Kann das? Das kann.  

 

Das Stoppschild oben rechts war mal entworfen worden, Seiten im Netz zu unterdrücken, die solches zeigen. Und eigentlich ist der Mann noch glimpflich davon gekommen, nur eine Geldstrafe und der Verlust des Computers bei sowenig Reue, da mag die Geldstrafe ihn finanziell belasten, ist aber sicherlich ratenweise zahlbar. Es hätten auch bis zu 2 Jahren Haft sein können, weshalb hier vielleicht 1 Jahr mit Bewährungsauflagen und eine Geldstrafe auch durchaus angemessen gewesen wäre - meinen wir - und wollen uns jetzt von diesem Thema schnell verabschieden. Es gibt noch mehr Gründe den Staat abzulehnen und das macht die Begründung hier so problematisch. Vieles muss heute herhalten, die Ablehnung des Staates zu begründen, Protest ist allerorten und sicherlich deutlich besser nachzuvollziehen. Wir wollen uns nicht dem Vorwurf aussetzen, das alles zu vermischen. Aber: wir haben einen reißerischen Zugang gewählt, Aufmerksamkeit dafür zu erwecken. Das ist pressetypisch und eine Geißel unserer Zeit. Nicht nur hier am Obenende, sondern bestimmt auch am Anfang des Kanals und anderswo. Kann das? Das mach wohl.  

 

Wenn heute soviele Protestbewegungen unterwegs sind, hier bei uns und auf der ganzen Welt, dann gibt es dafür Gründe jenseits der Verhandlung vor dem Papenburger Amtsgericht. Die Zeitungen berichten ihre Sicht in DSL-Geschwindigkeiten, einen Redaktionsschluss gibt es kaum noch. Man kann von der Presse als der 4. Gewalt im Staat lesen, und die ist nicht demokratisch organisiert. Wen wundert es, dass im Internet Spenden sehr professionell dafür gesammelt werden, eine Waffenfabrik einzubetonieren, unter den Augen der Polizei - es ist ein Kunstprojekt. Und wen wundert es, wenn bei der Untätigkeit und Unfähigkeit des Staates und der Politik Protestgruppen und ihre Netzwerke für sich reklamieren, es besser machen zu können - außerhalb der überlebten Strukturen. Wir müssen da schön aufpassen, die Dinge auseinander zu halten, denn es liegt nicht an uns zu beurteilen, was gut und schlecht ist, aber wir haben es mitzutragen uind hoffen noch auf viele fröhliche Jahre in einer sich zum Guten wendenden Welt. Die Hoffnung haben wir nicht aufgegeben - aber auch nicht die Gewissheit, dass jeder daran mitarbeiten kann, mit und ohne Staat, ausnahmsweise auch mal gegen ihn.

 

So, der Kaffee ist aus, jetzt geht es zum Elisabethfehn-Kanal. Tschüss.        

Kommentar schreiben

Kommentare: 0