Torf - soweit das Auge wehtut

wiederbenässte Moorfläche
wiederbenässte Moorfläche

Moin, als Schüler hatte ich einmal für einen Tag im Torfabbau gearbeitet. Eine gute Stunde fuhren wir zu zweit mit dem Fahrrad von Oldenburg aus hinaus in ein Abbaugebiet. Suchten dort den nächst freien Claim in einer endlos langen Reihe, wo bereits viele Schüler und alte Frauen seit Stunden arbeiteten. Wir teilten uns den einen Abschnitt und begannen die bereits ausgestochenen Torfsoden anzuheben, so umzudrehen, dass sie mit der getrockneten Seite nach unten zum Liegen kommen, und zu stapeln. Immer zwei nebeneinander, über Kreuz zu einem haltbaren Bauwerk von insgesamt 10 Soden aufgetürmt. Exakt gerade natürlich in einer Reihe und natürlich auch stabil, worauf uns der Vorarbeiter gelegentlich hinwies . . . Muss das? Das muss.

 

50 Jahre ist das jetzt her. Diesen einen Claim haben wir bis zum späten Abend geschafft, alle anderen um uns herum alleine sicherlich jeweils 2 - 3, und saßen früher zu Hause im Garten. Ich erinnere mich, dass ich kaum vor 21 Uhr zu Hause war. Es gab für jeden von uns etwa 15 D-Mark - Wochen später in Oldenburg im Büro der Torffirma ausgezahlt, ein außergewöhnlicher Vorgang, aber noch einmal wollten wir uns das nicht antun, nicht noch einmal ins Moor, um zu arbeiten und am Freitag die Lohntüte in Empfang zu nehmen. Das mach wohl.  

 

Für mich war das ein Ferienjob, wie später viele noch, aber einer der härtesten, noch vor "Matratzenstopfen", wovon ich mir im nachfolgenden Jahr mein erstes eigenes Kofferradio kaufte. Im Torfabbau fanden aber viele Menschen ihre Arbeit und damit ihr Auskommen, die Familie zu ernähren oder ergänzend dazu beizutragen. In der regionalen Bedeutung kam der Torfabbau sicherlich dem Kohleabbau anderswo gleich, wirtschaftlich jedoch nachrangiger. Dennoch, es wurden weite Landschaftsteile verändert und brach liegengelassen, die Wiederbenässung ist sehr aufwändig und hat sich noch nicht wirklich durchgesetzt. Und es dauert, bis sich die Natur dort aus eigener Kraft ihren Teil zurückholt. Im Ruhrgebiet ist das anders, sind die Flächen allerdings auch knapper. In den ehemaligen Braunkohlengebieten verschwinden Dörfer und entstehen tiefe Freizeitseen. Und nun will die neue niedersächsiche Landesregierung den Torfabbau bremsen - berichtet meine Ems-Zeitung. Soll sie doch! 21.000 ha Vorranggebiete für den Torfabbau sollen in der Landesraumordnung gestrichen werden. Das bedeutet zwar noch nicht das Ende des Torfabbaus, verlagert aber die planerischen Zielformulierungen auf die Ebene der Kreise, also die Entscheider vor Ort. Muss das? Das muss.

 

Denn nun kann man dort festlegen, was passieren soll, wo man den besten Überblick hat. So können Moorflächen als Ausgleich für eine gewerblich-industrielle Nutzung anderswo aufgewertet oder auch im Kontext mit bereits abgebauten Flächen wiederbenässt werden. Es kann auch schlicht verhindert werden, zu Lasten des Naturschutzes weiter Raubbau an intakten Rückzugsflächen für Vögel und Niederwild zu betreiben und dabei zugleich die Artenvielfalt der Insekten und Amphibien, aber auch der Flora insgesamt zu schützen. Als Wert an sich, was ja auch mal wichtig wäre . . . Und im übrigen wird es der Torfindustrie auch nicht ungelegen kommen. Wenn wir bspw. die B 401 entlang dem Küstenkanal fahren, dann sind die Verladeeinrichtungen in den letzten 50 Jahren sicherlich nicht erneuert worden. Und auch die Loren haben bereits reichlich Rost angesetzt. Neulich wollten wir das einmal fotografieren, Industriekultur im ländlichen Außenbereich. Aber kaum hatten wir unsere kleinen Kameras hochgehalten, wurden wir aus einem rostigen Wärterhäuschen heraus angefegt, sofort das Gelände zu verlassen. Hier würde nicht fotografiert. Er würde die Polizei rufen. Es war übrigens alles frei zugänglich, nichts sichtbar abgezäunt. Aber Öffentlichkeit ist hier wohl unerwünscht - könnte störend auf die Arbeitsplätze wirken. Kann das? Das kann.

Ems-Zeitung 19. 4. 2013
Ems-Zeitung 19. 4. 2013

Ich hatte das zuletzt im Frühjahr 1971 erlebt, als mich der Werkschutz in Marl-Hüls unter Protest mit sanfter Gewalt mitnahm (Originalton am Telefon: "Wir haben einen!"). Auch da stand ich auf öffentlichem Grund, die Kamera gegen die Abgasfahnen der Raffinerie gerichtet, vor untergehender Sonne - Industriespionage sieht anders aus - auch im Moor. Das mach wohl.  

 

Und wenn sich einer für Sandstürme interessiert, hier war gestern einer, 50 m Sicht auf der Autobahn. Tja, wenn man so riesengroße, trockene Ackerflächen für den Maisanbau beackert und es gibt gut Wind . . . Kann das? Das kann.

 

Mit Moor wäre das nicht passiert! Kaffee drauf und Tschüss.         

 

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