Wer keine Stimme hat, kommt nicht vor

von Ernst-Otto Sommerer 

ausgelöst durch eine Kolumne von Georg Diez in Spiegel Online (10. 5. 2013):

 

Journalismus in der Krise: Und nun die Scheinnachrichten

 

Ein guter Satz zu früher Stunde. Es ist 7:29 h PC-Zeit – und die ist richtig. Ich lese einen Beitrag aus spiegel-online, wo der Zustand der Nachrichten kritisiert wird. Nachrichten, die uns nicht schlauer machen, sondern in die Ecke zufriedener Passivität drängen: Ach ja, so ist das. Und: es berührt mich nicht, weil die Perspektiven nicht zu erkennen sind. Denken wird zwar nicht ausgeschaltet, aber auch nicht gefordert, Reflexion ist nicht im Drehbuch vorgesehen, nur Bestätigung. Es sind die ewig selben alten Männer („und Frauen“ füge ich hinzu) in der Altersgruppe 50 bis 60, die uns den Mainstream der Welt erklären. Sie erreichen uns nicht, sichern aber damit ihre Existenz ab, auch gegenüber den jüngeren, die dann nicht mehr zu hören sind, und lassen alles beim Alten.

 

Wer nicht im Internet vorkommt, existiert nicht mehr, so heißt es gelegentlich und zwingt die nachfolgenden Generationen in Blogs und soziale Netzwerke – wobei „sozial“ niedlich verbrämt, dass es digitale sind. Will man das für bare Münze nehmen, so einfach mal unkritisch glauben, dann ist die digitale Welt eine soziale und alles Soziale nichts ohne die digitale Vernetzung. Kann man so sehen, ist aber sicherlich komplexer.


Ein feiner Weg aus den Zwängen der öffentlich-rechtlichen Informationsdiktatur zu entkommen, oder den Fänger der kommerzgesteuerten privaten Informateure zu entfliehen ist das Netz und der kritische Geist, das dort Erfahrene zu ordnen, zu bewerten. Aber, wer keine Stimme hat, kommt auch dort nicht vor.  


Ich denke an mein Studium und die dort erfahrenen Grundkenntnisse der Brecht’schen Radiotheorie. Das lag damals so fern und ist heute so nah. Wir haben heute mit dem Netz mehr als Brecht sich vor knapp 100 Jahren hatte vorstellen können. Es heißt nicht Radio, sondern meint aktuell den jedermann zugänglichen Zutritt ins Internet, als Produzent einer Meinung und als Konsument, als kritischer Geist genauso, wie als unkritischer Passifist. Ich kann Positionen vertreten, Fiktionen aufbauen, mich blamieren oder auch sehr schnell Anerkennung ernten. Einige wenige Kenntnisse und ich bin drin. Ich habe eine Stimme und komme vor. Für wen?

 

Denn da fängt es doch an zu haken! Was nützt es nur vorzukommen, und niemand merkt es? Das liegt ja auch nicht allein am intellektuellen Tiefgang, sondern schlicht daran, dass so viele Zeitgenossen gar nicht mehr erreichbar sind für kritisches Gedankengut, es vielleicht sogar als Bedrohung empfinden ihrer eigenen nicht hinterfragten Existenz. Ich schließe mich da nicht aus – zumindest den Teil von mir, der noch nicht das Alter von 63 Jahren erreicht hatte, also, sagen wir einmal so bis Mitte 50. Ja, ich kann die Nöte der Nachwuchsjournalisten gut verstehen. Habe sogar die aufkommenden Nöte der nachwachsenden Generationen seinerzeit schon gut verstehen können. Habe zu ihnen gesprochen. Habe versucht sie zu motivieren, dass sie ihre Stimme erheben, vorkommen, wenn es darum geht, ihre Gesellschaft zu formen, im Kleinen wie im Großen. Es interessierte nur wenige, unter dem Strich, damit es Wirkung entfalten kann, niemanden. Und dabei werden sie weniger, wir mehr. Müssen wir denn immer für sie denken und ihnen alles richten?


Auch in diese Richtung lässt sich der Ruf nach einer anderen Nachrichtenkultur erweitern. Denn dem Grunde nach ist es schon 5 Minuten nach 12. Wir wollen es mehrheitlich schon nicht mehr anders, weil’s so bequem ist. Natürlich freue ich mich auf des Endspiel der Champions League in London und besonders einen Sieg des BVB gegen Bayern. Aber das ist nicht die Welt. Die definiert sich über die EU-Krise, Steueroasen und -betrug, Klimawandel und Energiewende, Menschenhandel und Kriege, auch über meine kleinen Dinge hier vor Ort, Kunst und Kultur, soziale Sicherheit und Armut. Warum, wollen wir wissen. Was geht, um es zu ändern.


Wer dreht sie Eieruhr um?  

Es ist Samstag, der 11. Mai 2013, 8:55 h PC-Zeit und ich bin 63 Jahre alt. Und den eingangs zitierten Artikel habe ich deshalb gelesen, weil er in einem "sozialen Netzwerk" von einem anderen Journalisten geteilt wurde.     

 

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