Gezählt ist gezählt

Zensus 2011, so richtig spannend auch wieder nicht, nur eben seit 1987 endlich wieder mal einer und der erste im wiedervereinten Deutschland. Was irgendwann nur die Fachleute interessiert: Es ist keine klassische Zählung, sondern eine Auswertung verschiedener Register, wobei komplexe Prüfroutinen aufzusetzen waren, dsie Fehlerquote auf eine minimale Restgröße zu verringern. Interessant ist dieses in der Tat nur für Fachleute aus den unterschiedlichen Arbeitsebenen: Den Statistikverbund des Bundes und der Länder, die Kommunen und die Wissenschaft. Und mit Sicherheit auch die Gerichte, denn mit der ermittelten Einwohnerzahl ist auch sehr viel Geld verbunden.   



Gezählt ist gezählt und wiederholen ist gestohlen

So mag man einen alten Kinderreim in die Gegenwart der Statistik übersetzen. Aber es ist eine andere Statistik, als sich mancher das so vorstellen mag. Vor 2.000 Jahren musste sich noch jeder an den Ort seiner Geburt begeben um nur einmal gezählt werden zu können - so ist es im Neuen Testament überliefert. Zuletzt 1987 wurde in der damaligen Bundesrepublik Deutschland jeder einzelne gezählt - dort, wo man ihn angetroffen hat. Und er musste noch einige Angaben mehr machen. Das gab sehr viel Ärger und Mißtrauen gegenüber dem Staat. So war denn auch festgelegt worden, dass die Erkenntnisse aus der Volkszählung in keiner Weise in den Verwaltungsvollzug zurückübermittelt werden durften. Einsichtig zwar, aber auch problematisch. Denn stellte man eine vom Einwohnermelderegister abweichende Zahl fest, so durfte dem nicht nachgegangen werden, obwohl jeder Einzellfall aufklärbar gewesen wäre. Und seit 1987 wird die damals festgestellte amtliche Einwohnerzahl mtl. durch die Geburten und Sterbefälle fortgeschrieben, genauso über die Zu- und Fortzüge. Die Kommunen liefern diese Bewegungsdaten an die Landesämter.

 

Soweit so gut und die Theorie. Man hätte damit leben können, auch mit den 1987 festgestellten Anweichungen. Aber: Es gibt Menschen, die melden sich nicht ab, wenn sie wegziehen. Die werden amtlich abgemeldet, kommt man  dahinter, bspw. nach Wahlen. Doch wo sind sie hin? Ins Ausland? Oder sie leben unangemeldet anderswo in Deutschland? Oder sie haben sich nach einem (kurzen) Auslandsaufenthalt anderswo wieder angemeldet? Oder, oder. Auch Einbürgerungen wurden nicht immer so verbucht, wie man es gerne hätte. Da gibt oder gab es Lücken in den Meldewegen - außerhalb des statistischen Systems. Und so stimmt die amtliche Einwohnerzahl schon lange nicht mehr. Jeder weiss es, keiner konnte Klarheit schaffen. Und doch: Aufgrund dieser üäberlebten Einwohnerzahlen wurden alle Steuern und Zuwendungen im föderalen System sowie zwischen den Ländern und ihren Kommunen verteilt, und noch viel mehr, wie Besoldungsfragen der kommunalen Beamten oder die Feiertagsregelung zu Fronleichnam etwa in Bayern.          

Die Einwohnerzahl und ihr Sinn

Groß muss sie sein, die eigene Stadt, größer als andere, weil das mehr hermacht. Das versteht ein Statistiker natürlich nicht wirklich. Er versteht es auch nicht, wenn gerade ihm angelastet wird, wenn man nicht die größte ist. Er könnte doch mal . . . so die Presse, so die Vorstände, so auch schon einmal die Politik. Nein, kann er nicht! Und zu schnell steigt und fällt die Bedeutung seines Faches mit der Einwohnerzahl. Bereits in Griechenland wurde der Übedrbringer schlechter Nachrichten zu gern geköpft - was das Problem zwar nicht gelöst, aber den Zorn reguliert hat. Und wenn es der statistische Fachmann es wagt einzuwerfen, dass die kurzfristige Einwohnerentwicklung ein schlechter Indikator für die Anstrengungen auf dem Wohnungsmarkt sei, da zunehmend mehr gestorben als geboren würde und durch die Zuzüge ganz andere Bevölkerungskreise die Stadt erreichen als durch Fortzüge verlassen, die Bevölkerung also mittel- bis langfristig und auch nachhaltig zurückgeht, dann ist sein Rat zunehmend weniger gefragt.  

 

Nein, unsere muss zulegen und die größte sein. Stuttgart war größer als Dortmund - aber das war ein systematischer Fehler des Landes BW, den man in Dortmund früh erkennen konnte. Der Zensus 2011 hat es belegt. Essen war einmal größer, aber absehbar würde die Stadt Einwohner verlieren, weil überaltert und mit weniger Wohnbauflächenreserven ausgestattet. Dortmund war sogar einige Jahre früher größer, als vorhersehbar und hat diese Position auch im Zensus 2011 gesichert. Düsseldorf ist plötzlich zu Beginn des letzten Jahrzehnts heftig gewachsen und hat Dortmund irgendwann überholt. Ein solches Wachstum ließ Probleme im Berichtswesen vermuten, die auch von Düsseldorf nicht widerlegt werden konnten. Der Zensus 2011 zeigt es: ganz so schnell sind die Bäume dort auch nicht in dem Himel gewachsen. Das Meldeverhalten in solch einer engen Großstadt ist eben anders, als in der beschaulicheren Großstadt Dortmund. Langfristig liegt der Vorteil jedoch in jedem Fall in Düsseldorf.

 

Welch einen Sinn macht es - außer dem publizistischen in der Tagespresse - sich immer wieder auf die Einwohnerzahl zu kaprizieren? Warum will man immer die größte sein? Gibt es mehr Anerkennung, wenn man 500 oder auch 5.000 Einwohner mehr hat als die nächst größere? Auf den Haushalt mag sich das auswirken, aber eher geringfügig.      

Die Methode des Zensus 2011

Nein, hier gibt es keine Methodendiskussion - es gibt Fachleute bei den Zensusbehörden, die haben zugegeben, die Stichprobenanordnung nicht zu verstehen und vielleicht werden wir das auch noch vor Gerichten erleben. Das kann man heute noch nicht sagen. Denn, der Kern des Zensus beruht auf einer Auswertung der kommunalen Melderegister und deren stichprobenhafte Überprüfung zur richtigen Ermittlung der Einwohnerzahl - lassen wir hier einmal einmal alle anderen Merkmale außer acht.

 

Richtig war es, zuvor die Register zwecks Einführung der SteuerID zu überprüfen und Doppelmeldungen zu klären. Mehr als 1 % Falschmeldungen kamen da durchaus zusammen und mussten anschließend in den Registern korrigiert werden. Ob das alle auch wirklich zeitnah vollzogen haben ist nicht belegt und eher zu verneinen. Der Zensus 2011 baut jedoch auf diesen Melderegistern auf und auf Gebäude- uind Wohnungsdateien, deren Qualität zumindest in Frage gestellt werden sollte. Es wird also spannend, in welchem Umfang das Zählungsergebnis für die Kommunen angezweifelt werden wird. Wer aber bereits heute mit seinem Register nahe der amtlichen Zahl liegt, dürfte keine zu großen Überraschungen erwarten. Wer aber die Einwohnerzahl nach wie vor fortschreibt, eine hohe Zahl von Bevölkerungsbewegungen mit dem Ausland und in der Altergruppe bis 30 Jahren (Studenten und andere) aufweist, der wird sich seine Zahlen ganz besonders ansehen müssen.         

Das war am 31. 5. 2013 vor 11 h . . .


. . . und jetzt folgt am 31. 5. 2013 nach 11 h die Überraschung

Ausgewählte Ergebnisse aus meiner Sicht

Ich habe 17 Jahre in Dortmund verantwortlich für die Kommunalstatistik gearbeitet. Habe auch Verantwortung in überregionalen Vereinigungen sowie national auf der Städtestatistikebene getragen, auch mein Wort geführt, falls erforderlich auch gegen den Trend. Habe auch bei der Vorbereitung des Zensus in NRW meinen Beitrag geleistet. Wer wird es mir verübeln, wenn ich nachfolgend einige Ergebnisse vom ersten Tag der Veröffentlichung heraushebe? Heute bin ich im Ruhestand - den Rest werden daher meine jüngeren Kolllegen erledigen.  

 

Auszug aus der Pressemitteilung von IT.NRW:


Nordrhein‑Westfalen hat eine Millionenstadt: Mit 1 005 775 Einwohnern ist Köln die viertgrößte Stadt Deutschlands – nach Berlin, Hamburg und München. Innerhalb Nordrhein‑Westfalens folgen auf den weiteren Plätzen Düsseldorf (586 291 Einwohner), Dortmund (571 143 Einwohner) und Essen (566 201 Einwohner). 

 

Da habe ich mich also geirrt und muss Abbitte tun. Dortmund hat ähnlich wie Essen Einwohner verloren, während der Verlust in Düsseldorf deutlich geringer war. Warum allerdings Dortmund und Essen nunmehr deutlich weniger "amtliche" Einwohner haben, als mit erstem  Wohnsitz dort gemeldet, bleibt mir ein Rätsel und lässt sich m. E. nur über die weitgehend unverständliche Stichprobenmethode erklären, die Zu- und Abschläge macht, wenn  Menschen nicht angetroffen werden bzw. zusätzlich gefunden werden. Der Verlust in Dortmund liegt im Mittel des Ruhrgebietes.

 

Und dass Stuttgart rd. 585.000 Einwohner aufweist, das dürfte sogar die dortigen Kommunalstatistiker überraschen. Sie hatten ihren OB schon länger darauf vorbereitet, dass es ein deutlich niedrigeres Ergebnis geben wird, eines, dass den selber im Stuttgarter Einwohnermelderegister gezählten weniger als 570.000 zumindest nahe kommt. 

Zusatz - 6 Stunden später . . .

Die unerwartet hohe Abweichung der neuen amtlichen Einwohnerzahl von Dortmunder gegenüber der alten ist innerhalb des Systems der amtlichen Statistik erklärbar. Hatte IT.NRW in der Vergangenheit mehr als 90.000 Ausländer gezählt, so sind es heute rd. 69.000, rd. 22.000 weniger. Gegenüber der in Dortmjund gemeldeten Ausländer beträgt die Differenz nun rd. -4.000, zuvor waren es +20.000. Diese hohe Abweichung hatte bereits um die Jahrtausendwende zu einem Gespräch mit IT.NRW (damals LDS NRW) und den dort zuständigen Wissenschaftlern geführt. Es konnte keine Klärung gefunden werden - jedoch die Möglichkeit bestand natürlich, dass zuviele Ausländer - aus welchen Gründen und wann auch immer - gezählt worden waren. Das aufzuklären lag nicht im Dortmunder Interesse, aber auch nicht in den Möglichkeiten des damaligen LDS. Aus diesem Grund wurde vereinbart, Stillschweigen zu wahren und den Zensus abzuwarten, der ursprünglich früher stattfinden sollte.  

 

Die Differenz zur Registerzahl von Dortmund wird dadurch allerdings nicht erklärt.  

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