Achilles und der demografische Wandel

(c) Beaste S.
(c) Beaste S.

Da behauptet einer, der demografische Wandel sei eine Lüge der Politik in Verbindung mit der Versicherungswirtschaft. Und überhaupt sei das alles ein durchschaubares Betrugsmanöver, den Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Naja, es kann eine Karikatur sein, eine Persiflage oder eine bewußte Provokation zum Nachdenken. Denn so platt geht es denn nun doch nicht: Nur weil mehr Menschen sterben als geboren werden, wird die Gesellschaft jünger. Schwachsinn, denn nehme ich aus einer Kiste, in der 20 Birnen und 80 Äpfel liegen 4 alte Birnen raus und tue 2 neue Birnen hinzu, dann sind da nur noch 98 Früchte in der Kiste und der Anteil der Äpfel ist von 80 % auf 81,6 % gestiegen. Verstanden?

Es wird weniger, aber der Anteil der Äpfel steigt. Wenn man schon Äpfel mit Birnen vergleichen möchte. Und so ist es auch mit dem demografischen Wandel:

Die Bevölkerungszahl wird zurückgehen - das ist richtig beschrieben. Nur was ist mit der "mittleren" Bevölkerung, z. B. den Baby-Boomern der 60er Jahre? Da wurden doppelt soviele geboren, wie in den jeweils nachfolgenden Jahrzehnten. Die werden ab 2025 ins Rentenalter kommen und ab 2040 "hochbetagt" sein - ohne dass ausreichend junge Leute nachwachsen, u. a. deshalb weil seit 1970 nicht mehr ausreichend Mütter geboren wurden. Aber auch, weil sich unsere Gesellschaft gewandelt hat: Frauen bekommen heute wegen ihrer Berufsausbildung im Durchschnitt erst mit 28/29 Jahren ihr erstes 1. Kind, so sie eines möchten. Früher waren es 23 Jahre und somit gute Chancen auf 3 oder 4 Kinder. Heute stellt sich oft die Frage nach dem zweiten und überhaupt.

 

Und das ist auch gut so. Männer und Frauen sollen sich gleichberechtigt begegnen, gemeinsam ihren Kindern eine sichere Zukunft mitgestalten. Dazu bedarf es einer sehr viel besseren Vereinbarung von Familie und Beruf. Ja, wir brauchen die Frauen auch in der Wirtschaft, um die zurückgehende Zahl der Arbeitsplätze langfristig qualifiziert zu besetzen. Das ist kein sozialromatisches Getue. Und jede(r) der/die die Frau wieder zurück in die Küche schicken will, weiß in vielfacher Hinsicht nicht, was er/sie fordert. Zukunft geht anders. Und die Gesellschaft baut sich gerade um. Sie wird in 25 Jahren ganz anders aussehen. Das ist aber normal. Denn wenn wir 25 Jahre zurückdenken, dann sah sie auch anders aus: Kein PC, kein Internet, kein Handy und kein SMS - selten mehr als drei Fernsehprogramme und der Sprit war sehr viel billiger. Soziale Netzwerke & Co waren noch nicht einmal vorstellbar . . .

 

Alles das läuft parallel zum demografischen Wandel, einem unaufhaltbaren Veränderungsprozess unserer Gesellschaft, der in der Geschichte in dieser Form einmalig ist. Wir können den Prozess annehmen und gestalten. Wer das negiert, auf den ist der berühmte Satz des Gorbatschow anzuwenden: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben".

 

Und dann fällt mir ein Gleichnis ein. Kann Achilles, der bekannte Krieger der Antike, eine Schildkröte auf 100 m überholen, die beim gemeinsamen Start einen Vorsprung von 10 m hat? Wir wissen, dass er das ohne Mühe schaffen wird, können wir sogar im Spaziergang. Aber können wir das auch mathematisch jenen beweisen, die einen Gegenbeweis aus der Tasche ziehen:      

  1. Wenn Achilles nach 10 m im Sprint den Startplatz der Schildkröte erreicht hat, ist diese schon etwas weiter gekrochen.
  2. Kommt er auch da an, ist sie schon wieder etwas weiter
  3. Erreicht er dann diese Stelle, ist sie schon wieder etwas weiter 
  4. usw.

Er wird sie nie überholen können - so dieser Beweis. Ich weiss nicht mehr, wie die Beweisführung geht, dass er es doch tut. Wir wissen es allerdings aus unserer Erfahrung. Und so sollten wir den demografischen Wandel auch eher als ein Phänomen begreifen, das wir im Alltag beobachten können. Und uns nicht dazu verleiten lassen, spitzfindigen "Beweisen" zu folgen, die übersehen oder unterschlagen, dass eine Gesellschaft hauptsächlich dann altert, wenn ihre Mitglieder älter werden, also im Bestand, nicht vorrangig in der Bewegung von Geburt und Tod.

 

"Und dann gibt es ja auch noch Zuzüge", ruft einer. "Ja", antworte ich, "und wir werden diese Menschen alle gerne und freudig integrieren wollen. Und sie werden nicht älter - oder etwa doch?"   

 

Kommentare: 4 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    zypresse (Mittwoch, 22 Mai 2013 09:38)

    Wer behauptet denn so etwas?? Ich meine, wer hat Dich dazu gebracht, dass Du all Deinen geballten Sach- und Fachverstand raus holst und uns allen klar machst, dass wir mitten im "demografischen Wandel" stecken?

    Klar ist das so, jeder der die Augen auf macht beim täglichen Spaziergang, beim Bummel durch die Stadt, auf Reisen... sieht das doch. Die Menschen, die uns umgeben werden immer älter (und nebenbei bemerkt: ich mit ihnen). Und das meine Generation Frauen nicht mehr soviele (wenn überhaupt) Kinder bekommen und erzogen hat - ja, das ist so. Auch kein Wunder, viele von uns waren mit Beruf und Karriere gut beschäftigt und Kinderbetreuung oder gar Vereinbarkeit von Familie und Beruf - ach, geschenkt.

    Da fehlt rein zahlenmäßig was an einer Generation, da gibt es weniger Jungs und Mädchen, die zu Männern und Frauen werden. Und diese "weniger Frauen" werden eben auch weniger Kinder bekommen.

    Sorge macht mir das schon ein wenig: weil in der Tat Nachwuchs fehlt, Arbeitskräfte, Fachleute - und auch Pflege- und Betreuungskräfte. Denn auch die werden wir in den nächstn Jahren in immer größerer Zahl benötigen. Oder möchte ernstlich jemand vom Pflegeroboter betreut werden?

  • #2

    loire2012 (Mittwoch, 22 Mai 2013 09:52)

    Tja, bei facebook gibt es da eine viel geteilte Seite - und ein von mir geschätzter Journalist hat die Sache sogar hochgelobt: Endlich mal ein Statistikprofi, der alles offen legt. Nach meinem Veto ujnd einigen Erklärungen hat er dann schnell sein Posting wieder raus genommen . . .

    Es war die Seite
    http://www.facebook.com/photo.php?fbid=171024843058844&set=a.120346531460009.22590.119442008217128&type=1&theater&notif_t=like

    Aber ist es oft nicht auch so, dass wir gar nicht erkennen, das wir älter werden? Unsere Freunde bleiben doch auch so alt wie wir! Alles ist relativ. Und als ich damals heiratete, empfand ich meine Schwiegereltern mit 50 als uralt. Und als meine Mutter mit 60 verwitwete hätte ich es nie verstanden, wenn sie einen neuen Partner gesucht und gefunden hätte. Das sind aber individuelle Aspekte.

  • #3

    mamatembo (Mittwoch, 22 Mai 2013 17:38)

    Ja, und was würde passieren, wenn die mit so viel Unvernunft ausgestattete Gattung Homo sapiens plötzlich und spurlos von der Welt verschwände? Was würde aus unseren Megastätten, aus den architektonischen Meisterwerken, was aus dem Kölner Dom? Und was würde aus der Natur ohne Umweltverschmutzung, ohne Krieg, ohne Raubbau und unnatürliche Zerstörung?
    In seinem Buch "Die Welt ohne uns" spannt Alan Weismann den Bogen von zwei Tagen bis zu 6,5 Milliarden Jahren: schon nach einem Jahr wachsen Blumen durch den Asphalt der Straßen, und Kletterpflanzen und Tiere erobern die Städte. Nach 300 Jahren sind weltweit Deiche und Dämme durchweicht, und Großstädte wie Hamburg werden einfach weggewaschen. Was am längsten überdauert und auf unsere Anwesenheit auf dem Planeten hindeuten wird, ist Plastik ...

  • #4

    loire2012 (Mittwoch, 22 Mai 2013 18:30)

    Die Gattung Homo sapiens wird noch gut sein für 10.000 Jahre - ich mag mir aber nicht vorstellen, wie dann die Erde aussieht. Das, was "wir" (in den letzten dreihundert Jahren) geschaffen haben, wird man vielleicht noch in 2.000 Jahren besichtigen können - vielleicht aber auch nicht. Beim demografischen Wandel reden wir von 50 bis 100 Jahren, in der sich unsere Gesellschaft grundlegend ändern wird - mein Vater wurde vor 113 Jahren geboren, meine Oma mütterlicherseits vor 125. Das kommt uns so lange vor. Ist es aber nicht.

    Weit jenseits des demografischen Wandels gibt es die Entsorgung des atomaren Restmülls sicherzustellen. Wir sehen für unsere Generation eine Verantwortung von 10.000 Jahren bis zu 1 Mio. Und doch sind wir uns nicht sicher, ob man das in 300 Jahren noch weiß und bewerten kann. Wie stellen wir sicher, dass man in 1.000 Jahren noch um die eingelagerten Gefahren weiß. Allerdings, interessiert und betrifft uns das wirklich?

    Und jetzt der demografische Wandel - als wenn die Welt untergehen würde, wenn alles anders wird!