Die Sinne

Sinnvoll soll es gewesen sein. Was meint solch ein Anspruch – besonders dann, wenn wir uns hingegeben haben, ohne Plan unseren Ohren, der Zunge, der Nase und auch den Fingern gefolgt sind. Der Sinn liegt nicht darin, den Sinnen ihren freien Lauf zu lassen sondern in Zielen, so denken wir, weil wir in allem einen Sinn suchen. Und dennoch ist es sinnvoller, sinnlich den Spuren zu folgen, die uns in neue Verstecke des Lebens führen. Stattdessen eben nicht die sehr viel deutlicheren Trampelpfade mit eigenen Füßen verfestigt haben, unsere Sinnlichkeit am Schweiß unserer Vorgänger versuchend.


Dies ist mein Beitrag zur Blogparade

 

„Mit allen Sinnen reisen“


von Zypresse.

 




Folge ich dem Geruch einer Orange, so mag sie mich in die Gärten der Alhambra führen, aber auch zu einem Bordell in Teheran. Habe ich den salzigen Geschmack des Meeres auf der Zunge, so tauche ich in die gewaltigen Wellen vor Les Landes ein oder schlürfe eine Auster nach dem Marktbesuch nahe Granville. Höre ich das Kreischen der Möven, so denke ich an meine erste Nacht in England, an die Jugendherberge von Dover. Es könnte aber auch die Rückkehr nach Europa sein, als wir mit der Fähre, in die untergehende Sonne hinein, den Bosporus überquerten, 5 Jahre später. Und denke ich an Berührungen auf Reisen, so drängt sich mir die zarte Berührung der Finnin Leila auf, nachdem wir, schön nach Geschlechtern getrennt, mit dem Vater die Sauna am Oulo-Järvi besucht hatten, uns anschließend im wild vom Nordwind aufgepeitschten See abgekühlt hatten und abschließend im warmen Holzhaus frisch gefangenen und geräucherten Zander genossen haben, eingefangen in die mystische Welt des nördlichen Finnlands. Es gibt aber auch das Gefühl der Sicherheit, welches ich auf meiner Persienreise einige Jahre später empfand, wann immer ich mein Klappmesser mit Schlagring in den Tiefen meines Parkas umfasste – eine Scheinsicherheit. Aber selbst diese Waffe ist verloren gegangen. Es gibt kein Foto, keine bildliche Erinnerung, nur noch das Gefühl eingebildeter Stärke. Wie es auch von all den anderen Momenten starker sinnlicher Prägung keine Bilder gibt, geben kann. Das würde dem Wesen dieser Augenblicke widersprechen.

So sind wir bemüht, das Erlebte anhand von Fotos neu zu entdecken, die Erlebnisse zu konservieren. Wir wissen, dass wir uns damit nur eine Kopie erstellen – leben dagegen ist reisen und ganz anders. Und weil es gegolten hatte, die Momente des Reisens ganz und unmittelbar zu empfinden, habe ich eine ganze Zeit auf die Kamera verzichtet. Ich wollte mein Leben erleben, sinnesvoll genießen, nicht sinnlos, auch mit dem Verstand. Nicht als Film oder Diaschau, als Fotobuch oder –album, sondern inbrünstig mit der Angel ausgerüstet den fremden Fischen nachgehen, mit den Kindern die geheimnisvolle Welt der bei Ebbe zurückgebliebenen Tümpel in der felsigen Atlantikküste entdecken, den Griff an die Felsen spüren, die Algen riechen, nichts hören, weil alles ruhig ist. Wollte bei der Suche nach den Palourdes im steinigen Schlamm das Glücksgefühl erleben, eine richtig große zu finden. Wollte auf den Höhen der Bergpässe den Blick nicht enden lassen oder auch auf die andere Seite des Tales lenken, Neues zu finden, fern jeder fotografischen Motivsuche. Wollte die Sonne auf meiner Haut spüren und die Frische des Windes, die Kühlung des Regens, den Sturm im Gesicht. Darum immer wieder gerne auch in den Norden der Bretagne. 30 mal versucht, den Aufprall der Wellen festzuhalten, die aufspritzende Gischt – es ist ein tropfenscharfes Bild geworden, das an die Gewalt des Wassers erinnert, die Wucht seiner Begegnung mit dem Felsen, den immerwährenden Kampf mit der Küste. Aber nur erinnert. Erlebt und gefühlt habe ich den feinen, salzigen Wasserfilm, weil ich mich sehr nah herangewagt hatte, die anfängliche Angst, ausrutschen zu können und überhaupt das Wagnis, so nah der Begegnung von Wasser und Fels beizuwohnen. Unmöglich, davon ein Selbstbildnis zu erstellen.

Und wie ein Gedicht erschien manche Begegnung mit der anderen Welt. Die festen Mauern der Brücke von Cahor zu spüren, die Ziegel der Kathedrale von Albi. Zeugnisse des Kampfes vor hunderten von Jahren. Auf dem Gipfel des Montségur das Abschlachten der letzten zweihundertzwanzig Katharer körper-lich nachzuempfinden, von weiter historischer Ferne aus den Kanonendonner zu hören, abgefeuert vom anderen Gipfel in vielleicht 50 m. Entfernung. So versunken in die Geschichte, wie seinerzeit der junge Mann, welcher die Verse des Homer in den Ruinen von Mykene im Original rezitierte, frühmorgens, bevor der erste japanische Bus die Grabungs-stätte aufsuchen würde. So unmittelbar, wie die Begegnung meiner jüngeren Tochter mit den Seerosen im Garten des Malers gewesen war. Es gibt die Seerosen des Monets tat-sächlich, man kann sie fotografieren, aber das beschreibt nicht die Größe des Augenblicks, wenn das Kind versteht, dass es mitten drin ist, im Leben des Malers und in seinem heißgeliebten Buch von Christina Bjork und Lena Anderson, sich in der Linea wiederfindet und dem Maler in dessen tatsächlichen Garten begegnet. Und das auch, bevor der erste japanische Bus in Sicht war.

 

Es verschwimmen die körperlichen Eindrücke wie in einem marokkanischen Suk und seinen Gerüchen, seinen Lauten, dem regelmäßigen Rufen des Muezzin: „Allahu akbar“ (Gott ist größer!) Die Mohnfelder Griechenlands kom-men hinzu, die Fischläden Dänemarks und die runden Handschmeichler, Steine der Sjaellands Odde. Die Brandungsküste wird eingewoben und auch die plateau de fruits de mere vom Campingplatz in Brehal. Nein, nichts ist zu trennen, es ist das Wissen um das Ganze. Reisen setzt viele Mosaike zusammen, in vielen Dimensionen der Zeit und des Gefühls, kennt unterschiedliche Formen der Erinnerung. Und manches Mal auch die Lust an einer ewigen Wiederholung. Manches Mal, denn alle Sinne entwickeln Fliehkräfte und erweitern ihre Um-laufbahnen. Weiter, immer weiter, so werden wir uns am Ende selber erreichen, die Sinne vereint.


Wir schmecken Speisen wie wir sie sehen, wir riechen den Frühling wie wir die Blüten betasten, wir riechen das Meer, wenn wir vom Fisch kosten und wir berühren unsere Liebsten, wenn wir sie wachen Auges anschauen. Wir spüren ihre Liebe, wenn wir ihre Suppe schlürfen und wir riechen ihr Kommen, wenn sie an der Haustür läuten. Wir tun das, weil wir uns unserer guten Dinge erinnern.  

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Kommentare: 3
  • #1

    Beate (Samstag, 01 Juni 2013 20:53)

    Dass Du kreativ schreiben kannst, das wissen wir ja schon lange. Nun also auch diese kreativen Fotocollagen! Sie sprechen meine Sinne voll an für die Geschichten, die dahinter stehen. Neidloser Respekt!
    LG Beate

  • #2

    zypresse (Sonntag, 02 Juni 2013 13:04)

    Lieber EO, das ist ein Super Beitrag, der viel Erinnerungen und Gefühle sinnlich überbringt. Danke, dass Du dabei bist!

  • #3

    Romy (Sonntag, 09 Juni 2013 14:11)

    Hallo EO, ein wirklich sinnvoller Beitrag. Schöner kann man das "mit allen Sinnen reisen" nicht beschreiben. Ein Foto würde das nicht wiedergeben drum lauschen wir deinen Worten. Trotzdem gefallen mir aber auch deine Fotocollagen sehr gut. lg Romy