Die moderne Sklaverei

Reden wir nicht über die Moderne, sondern die Sklaverei, welches auch in der Moderne noch nicht ausgerottet scheint. Zwei Zitate habe ich gefunden, wenngleich ich ein anderes gesucht hatte: Zum einen ist es in einem Forum die Frage gewesen, ob sich Sklaven ohne Ketten untereinander erkennen. Eine Antwort (nerone) lautete: „Nein – moderne Sklaven – ob in der Arbeitswelt oder am heimischen Herd (gröl) meinen IMMER, sie seien FREI.“ Ein anderer, der Schriftsteller Gabriel Laub stellt fest: „Der Sklave will nicht frei werden. Er will Sklavenaufseher werden.“ Und dabei hatte ich ein Zitat gesucht, das in meiner Erinnerung bestätigt, dass sich niemand Sklave selber nennen wird. Brecht, Nietzsche - ich konnte mich weder genau erinnern, noch etwas Passendes finden. Stattdessen noch zwei weitere Klassiker: „Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein.“ (Johann Wolfgang von Goethe) und „Die glücklichsten Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.“ (Marie von Ebner-Eschenbach).



(c) Ernst-Otto Sommerer
(c) Ernst-Otto Sommerer

Warum nun diese Zitatensammlung? In Papenburg und dem Emsland überhaupt findet Leiharbeit sicherlich in größerem Stil statt als gemeinhin vermutet. Landwirtschaft und Gartenbau sind Saisonbetriebe, die beim harten Wettkampf im internationalen Markt jeden Vorteil nicht nur ausnutzen, sondern auch erarbeiten müssen. Etwa jede zweite in Deutschland produzierte Salatgurke beispielsweise stammt aus einem Papenburger Gewächshaus. In Schlachtbetrieben ist es ohnehin üblich, sich osteuropäischer Leiharbeiter zu bedienen – der Kostendruck . . . Und auf dem Flaggschiff des deutschen Schiffsbaus, der Meyer-Werft, wird auch in aller Regel saisonal unterschiedlich geschweißt und gezimmert. Der Bergmann unter Tage im Ruhrgebiet konnte alle Arbeiten ausführen, die Werftarbeiter heute sind hochspezialisiert. Die Arbeitswelt hat sich verändert. Leiharbeit ist zum Zauberwort für die Kostensenkung geworden. Und wenn man bedenkt, dass ein Kreuzfahrtschiff heute 700 bis 800 Mio. € kostet, dann wird man bei 7 Mio. € hellhörig, woran der Bau der letzten AIDA-Schiffe gescheitert sein soll, so ein Mitarbeiter des AIDA-Reeders kürzlich zu uns in Hamburg.

 

Unwillkürlich drängen sich einem alle Möglichkeiten der Kostenersparnis auf und die Lebenserfahrung zeigt, dass der Lohnbereich immer schnell der erste ist. Also billigere Leiharbeiter, ohne besondere Beschäftigungsverpflichtung, all-inklusiv kalkulierbar gebucht für bestimmte Zeiten. Die Leiharbeitsfirma wird zum Sub-Unternehmer, sagt eine ordentliche Unterbringung der Arbeitskräfte zu, die Übernahme jeglicher Nebenkosten usw. Man kauft also, egal ob im Gartenbau, beim Schlachthof oder auf der Werft, Arbeit ein, keine Arbeiter und die damit zusammenhängenden sozialen Verpflichtungen. Der Sub-Unternehmer wiederum sucht die erforderlichen Arbeitskräfte dort, wo sie am günstigsten zu bekommen sind. Früher war das einmal Großbritannien, heute ist es Südosteuropa, Bulgarien, Rumänien. Dafür wird dann eine weitere Firma beauftragt, somit ein Sub-Sub-Unternehmer. Verdienen tun alle in diesem Reigen, denn organisiert werden muss es schon, Unterkünfte sind anzumieten, Transporte sicherzustellen und sicherlich noch mehr. Und wenn dann am Ende nur wenige Euros pro Stunde für den Arbeiter herauskommen, dann wird vielleicht noch das Versprechen eingelöst, ein wenig Geld monatlich an die zuhause zurückgebliebenen zu überweisen, vielleicht. Dennoch, es ist mehr als in Rumänien möglich ist und jegliche Sozialversicherung nicht erforderlich. So arbeitet die Branche, in Papenburg, im Emsland und in ganz Deutschland, wobei es in den großen Städten auch noch einen sog. „Arbeitsstrich“ gibt, wo man als Tagelöhner für wenig Geld Arbeit finden kann oder auch mal nicht.

 

Er würde sich nicht als Sklave fühlen, wurde heute ein rumänischer Arbeiter des Sub-Unternehmers aus Leer zitiert. Nach dem Brand eines Wohnhauses in dem sehr viele Leiharbeiter der Meyer-Werft untergebracht waren und bei dem zwei verstarben, war es zu einem runden Tisch gekommen. Er, der Arbeiter, werde anständig von seinem Chef behandelt und würde mittlerweile auch 12,80 € die Stunde verdienen, pro Monat 160 Stunden Arbeit leisten, also ganz normal. Er würde die Vorwürfe gegen seine Firma nicht verstehen. Und wahrscheinlich meint er das auch so, denn die Verhältnisse hier sind immer noch besser als zuhause. Was also ist ein Sklave – und da könnte heute Brecht gut helfen, aber ist abhängige Beschäftigung bereits Sklaverei? Sicherlich nicht, denn wir sind heute sehr viel weiter – wenn auch die Sklavenbefreiung in den USA nach dem Bürgerkrieg zunächst zu einer weiteren Verelendung durch den Kapitalismus der Nordstaaten führte. Zumindest in Westeuropa wähnen wir uns heute deutlich weiter – und weltweit ist Sklaverei geächtet. Wenn aber abhängig beschäftigten Arbeitern all diese sozialen Absicherungen und ihre Freiheit genommen werden, sie allein ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen müssen, sind das Reste von Sklaverei. Man mag sich nicht als Sklave fühlen, aber woran erkennt man seinen Status?

Kommentare: 2 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    Ein Sklave (Sonntag, 28 Juli 2013 19:57)

    Im Neuen Testament (1. Korintherbrief) ist zu lesen:
    "Jeder soll in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat. Wenn du als Sklave berufen wurdest, soll dich das nicht bedrücken; auch wenn du frei werden kannst, lebe lieber als Sklave weiter …" (Quelle: Wikiquote)

    Hammer, oder?

  • #2

    loire2012 (Sonntag, 28 Juli 2013 20:48)

    Hallo Sklavin!

    War nicht Pythagoras auch ein Sklave? In den Filmfolgen von 3Sat wird beschrieben, dass Sklaven seinerzeit (Antike und umzu) durchaus ihre Position im Wirtschaftssystem hatten - uind was waren denn die Bauern pp. in der feudalen Gesellschaftsordnung anderes als Sklaven? Der Kirche, des weltlichen Herren. Den Korintherbrief wird ja niemand ernsthaft heute so 1:1 umsetzen wollen, aber es gibt da ja auch noch den Leitsatz "Schuster bleib bnei deinen Leisten". Passt doch.

    Aber das moderne Sklaventum ist sehr viel perfider und schwieriger in seinen Übergängen zu abhängiger Beschäftigung zu verstehen.