100 Jahre Zeit - was bedeutet das überhaupt?

Die Silberschale,  worin der Stollen immer zum Weihnachtsfest angeboten wurde, sie war 100 Jahre alt und ist es noch. Die Platmenage, in ihr standen immer ein Fläschchen für Essig und eines für Öl, ein Topf für den Senf und zwei Schälchen für Pfeffer und Salz,  sie war aus Silber und auch ewig 100 Jahre alt. Ostern versorgte sie uns beim ungehemmten  Soleieressen. Das ist heute ersatzlos gestrichen und Stollen gibt es nur noch in kleinen Mengen. Vorbei die Zeiten, da mehrere Anfang Dezember gebacken wurden und anschließend gut eingeschlagen in Tücher im kühlen Schlafzimmer der Eltern auf dem Schrank nachreiften. Aber die Gerätschaften sind immer noch 100 Jahre alt, keinen Tag in den letzten 60 Jahre gealtert.

 

Das Foto ist gleichfalls 100 Jahre alt, passt sogar aus heutiger Sicht ziemlich genau. Und was sehen wir darauf? Eine Winterlandschaft - einwandfrei. 100 Jahre und nichts hat sich daran verändert. Was heißt überhaupt "100 Jahre alt"? Was bedeutet das eigentlich?

 

Ganz lange, aber auch: wirklich passieren wird in der Zeit aber nichts von nachhaltiger Bedeutung. Und das schreibt einer, der mal Sozialwissenschaften studiert, allerdings diese Wissenschaft nie ernsthaft angewandt hat? Nun ja, wer aufmerksam hinschaut, der wird nur wenige Veränderung in den menschlichen Verhaltensweisen feststellen. Jene, die nur mal rüberschauen, werden naserümpfend festhalten,  dass Deutschland zwei heftige Kriege in der Zeit führen konnte. Haben diese die Menschen wirklich verändert - über die Erfahrung des unendlichen Leids hinaus? Meine 100-jährigen Gerätschaften haben das genauso überstanden, wie der Winter.  

 

Das römische Reich gibt es heute noch - nur anders organisiert. Diese kühne These habe ich vor einigen Tagen aufgestellt. Und ob nun ein Koalitionsvertrag abgeschlossen wird zwischen CDU, CSU und SPD oder nicht, ob die SPD-Mitglieder einem eventuellen Vertrag dann mehrheitlich zustimmen werden oder nicht, was ändert das? Irgendwie wird es weiter gehen, es wird weiter die vier Jahreszeiten geben und meine Freude auf den Weihnachtsbraten, Tannenbaum und Jahreswechsel. Niemand wird sich im Grab umdrehen, niemand ihm entsteigen, um strafend dazwischen zu gehen. Nichts wird "100 Jahre Wichtigkeit" bedeuten. Das sind andere Dinge, solche, die uns ausmachen.

 

Der Balkan wurde vor hunderten von Jahren zerrissen in Gebiete für Moslems, orthodoxer Christen und römisch orientierter Katholiken. Wir haben erlebt, was passiert ist, als sich in unserer heutigen Gegenwart - was sind 30 - 40 Jahre? - der jugoslawische Staat nach dem Tod von Tito auflöste. Die Kulturen hatten in ihren Tälern nachhaltig überlebt. Deutschland hatte sich nach 1989 in neuen Grenzen wiedergefunden, aber Bayern spielte immer schon eine Sonderrolle. Das sind 100 Jahre "Zeit". Tschüss.      

   

 

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