Der Curé d'Ars

Was wusste ich schon vom Curé d’Ars, damals Mitte der 70er Jahre? Heute reicht ein Blick in Wikipedia – man muss nur die Schreibweise kennen, sofern man des Französischen nicht so ganz mächtig ist. „Der Pfarrer von Ars“ war es und man fand seine Gips-Büsten überall in dieser französischen Stadt. Der schaute so traurig und sollte so vielen Menschen geholfen haben. In einem  kleinen Antiquitätengeschäft fand ich meinen Pfarrer und er war das billigste Teil, was man dort erwerben konnte. Er wollte mit und es hieß, in jeder  Notlage könne ich mich an ihn wenden.


Dies ist mein Beitrag zur Blogparade

 

Mein liebstes Reisesouvenir

 

von Zypresse



Das Leben lag vor mir, er wollte mit und ich suchte ein kleines Erinnerungsstück, das mir die warmen Herbsttage in dieser exotischen Gegend Frankreichs ins Ruhrgebiet hinterhertragen würde. In meinem anschließenden Leben habe ich nie auf seine Hilfe zurückgegriffen, das fand in zu großer Ferne von ihm statt, dem katholischen Pfarrer, von dem man sagt, dass er täglich 14 – 18 Stunden den Gläubigen ihre Beichte abgenommen habe. Nicht meine Welt, aber ich habe mich nie von ihr trennen können, dieser kleinen, speckigen Gips-Figur. Sie passt so gar nicht in unsere Welt, erinnert aber zugleich daran, dass die gelebte Exotik so weit auch nicht entfernt ist.

 

Vielleicht hat der Geist dieses Pfarrers - er wurde 1925 heilig gesprochen, denn natürlich geschah in seiner Amtszeit (er starb 1859 an Überanstrengung im Alter von 73 Jahren) manches Wunder – bei mir Ruhe gefunden. Eine Ruhe, die er vergebens durch Flucht aus dem Ort Ars in ein Kloster gesucht hat. Die Menschen fingen ihn wieder ein und brachten ihn zurück. Von ihm soll der Ausspruch stammen, Gott habe ihn auf sein Bitten hin einmal das ganze Elend seiner Existenz schauen lassen. Das sei schrecklich gewesen und er habe es zum Glück wieder weitgehend vergessen dürfen. Nur eine extreme Demut sei geblieben.

 

Knapp 40 Jahre steht er nun schon bei mir und erinnert, falls der Blick mal auf ihn fällt, an frühe Einsichten, die sich dann im Laufe des Lebens verdichteten: Es gibt so viele unterschiedliche Vorstellungen von Leben und wie man es gerne hätte, wie man sich gerne sehen würde, wo man seine Sicherheiten und wo seine Gefahren sieht, seine Ziele und seine Feinde. Wie es angefangen hat, wie es enden wird und was danach zu erwarten ist. Wann immer wir unsere Vorstellungen in den Mittelpunkt gestellt haben, hatten wir natürlich Recht, aber die Wahrheit lag genauso oft in der Demut vor dem anderen Gedanken. Das verbinde ich über den Curé d’Ars mit den Weiten des östlichen Rhonetals, irgendwo zwischen Lyon und Macon, aber auch noch nicht im Burgund der vielen Seen.

 

Ein klassisches Souvenir, eines, das man jedoch nach 10 Reisen nicht aussortieren mag.

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Kommentare: 6
  • #1

    Beate (Sonntag, 22 Juni 2014 18:18)

    "gelebte Exotik"; das ist genial! Ein großartiger Blog-Beitrag, aber "liebstes Reisesouvenir" ... ich kann's nicht glauben! ;-)))

  • #2

    eo (Sonntag, 22 Juni 2014 20:35)

    30 - 40 Jahre große und kleine Reisen, manches Andenken, vieles als Dia mittlerweile eingescannt, das Meiste verfuttert und vertrunken, aber diese kleine Büste (15 cm) habe ich immer geschätzt. Jede Erinnerung hat ihre Zeit, ihr Umfeld - dann aber auch ihre (wachsende) Distanz zum Jetzt.

    Glaub's mir Beate . . . Und glaube mir auch, dass ich mich über deinen Kommentar gefreut habe! :-)

  • #3

    Romy (Samstag, 05 Juli 2014 08:27)

    "Verfuttert und vertrunken" so ging es mir auch. Olivenöl, Arganöl und Wein. Jedes Reiseland hat immer mein Leben beeinflusst. Gewürze & Öle aus den orientalischen Ländern haben meine Essgewohnheiten verändert. Sogar mein Wohnstil beeinflusst. Nach meinen Griechenland reisen war ich ganz besessen von der Farbe Blau, die mich an das Meer erinnert hat. Oder die bunten Farben des Orients ..die Lebensfreude vermitteln. Meine Reisen haben mich auch werden lassen und vor allem immer auf den Boden der Tatsachen zurückkehren lassen. Schön, dass dieser Herr dich schon ein Leben lang begleitet und deine Einsichten sich verdichtet haben. So soll es sein - das ist der Sinn des Reisens. Liebe Grüße Romy

  • #4

    eo (Samstag, 05 Juli 2014 11:04)

    Danke, Romy, für deinen Kommentar. Er zeigt mir, dass ich nicht alleine stehe mit der Erkenntnis, dass jede Erinnerung ihren Wert hat, mancher Wert verblasst und - man weiß es nie vorher - mancher dagegen Bestand haben wird. Es gibt keine "schönsten" Erinnerungen und wohl auch keine "wichtigsten", nur solche mit oder ohne Bestand - im weitergehenden Leben.

  • #5

    Ulrike (Mittwoch, 16 Juli 2014 10:54)

    Was für eine eindringliche Geschichte! Reisen prägen das Leben und Souvenirs sind auch die vielen Eindrücke, die man mitnimmt, die Gewürze, die sich in der eigenen Küche einen Platz schaffen, die Fotos, die Art und Weise, mit Menschen umzugehen.
    Liebe Grüße
    Ulrike

  • #6

    eo (Mittwoch, 16 Juli 2014 15:00)

    Ulrike, da drängt sich mir ein Bild auf: Souvenirs sind die Gewürze des Lebens!
    Liebe Grüße eo